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Juli 31, 2009 in > Aktuell: Seminare und Angebote <, Coaching, Gemeinde-Innovation, Gemeindegründung, Leitung, Methodik, Natürliche Gemeindeentwicklung , News, OQM, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)

Missionale Gemeinde – Wesenszüge und Bedeutung (Teil 2)

Alan Roxburgh

Gemeinde

Das Verständnis von Gemeinde hat sich radikal verändert. Nur: Viele Gemeinden haben noch nicht erkannt, dass das auch heißt: Gemeinde muss sich in der Praxis verändern und anders mit den Herausforderungen umgehen, die die Gesellschaft an sie stellt. Alan Roxburgh regt zu einem neuen Denken und Handeln an.

Fortsetzung von Teil 1

Missionale Gemeinde ist Gemeinde als Kontrast zur Gesellschaft

Wenn wir über missionale Gemeinde sprechen, geht es darum, wie die Gemeinde in der westlichen Welt als Ausführende des Auftrags Gottes aussehen könnte. Die Diskussion konzentriert sich dabei auf zwei Bereiche: zum einen auf die Gesellschaft, in der wir uns befinden, zum anderen auf die Absichten Gottes in dieser Welt, wie sie sich uns durch Jesus Christus und sein Evangelium zeigen. Wir haben erkannt, dass sich unsere Gesellschaft durch massive Veränderungsprozesse bewegt, die die Kirche rasch von dem zentralen Platz, den sie früher innehatte, verdrängen. Das wirft grundsätzliche Fragen auf hinsichtlich der Beziehung zwischen christlichem Lebensstil und der pluralistischen Gesellschaft, in der wir leben. Was die Gesellschaft angeht, ist die Botschaft Jesu das Hereinbrechen von Gottes Herrschaft in diese Welt. Deshalb ist die Gemeinde die von Gott herausgerufene Gemeinschaft Gottes in einem konkreten kulturellen Umfeld.

Die Gemeinde ist eine ekklesia, das heißt eine Versammlung, die herausgerufen wurde, ein öffentliches Zeichen, ein Zeugnis und ein Vorgeschmack auf das zu sein, wozu Gott die ganze Schöpfung in Jesus Christus einlädt. Die Gemeinde, in ihrem gemeinschaftlichen Leben und ihrem Zeugnis für die Welt, proklamiert das Schicksal und die Zukunft der ganzen Schöpfung. Ortsgemeinden verkörpern das, wozu Gott die ganze Schöpfung durch die Kraft des Heiligen Geistes beruft. Der Gott, dem wir in Jesus Christus begegnen, beruft die Gemeinde dazu, eine Gemeinschaft von Menschen zu sein, die nicht mehr für sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse leben, sondern als Kontrastgesellschaft Gottes Zukunft für die ganze Schöpfung sichtbar werden lassen.

Als Kontrastgesellschaft formt sich die Gemeinde um Überzeugungen und Praktiken herum, die kontinuierlich einen Lebensstil prägen, der sich nicht vom gesellschaftlichen Umfeld ableiten lässt. Die Gesellschaft, in der wir leben - und in der wir als Kontrastgesellschaft leben sollen - bezeichnet man als spät-modern oder postmodern. In diesem Kontext lebt jeder nach seinen Rechten. In diesem Kontext herrscht schlicht die Annahme, dass Leben in einer toleranten und offenen Gesellschaft heißt, Räume zu schaffen, in denen persönliche Rechte, Gefühle oder Bedürfnisse nicht angetastet oder verletzt werden. Dies ist Teil des Wahnsinns der bedürfnisorientierten, sucherorientierten Mentalität der Kirche. Solche Ansätze sind tatsächlich davon überzeugt, dass sie der christlichen Tradition treu sind. In Wirklichkeit untergraben sie jedoch die Elemente, die wesentlich für eine Treue im missionalen Sinn sind. Wir möchten das Bedürfnis des Einzelnen nach Autonomie so sehr bestärken, dass wir den Zugang zu den Ressourcen verloren haben, die uns die Bibel und eine großartige christliche Tradition zur Verfügung stellt, um ein Volk zu formen und zu gestalten, das einen Kontrast zur Gesellschaft bilden kann.

Missionale Wesenszüge in einer Gesamtschau

Lesslie Newbegin sprach von einer dreiseitigen Kommunikation zwischen dem Evangelium, der Gemeinde und der Gesellschaft, in der sich die Gemeinde befindet. Die missionarische Begegnung erfordert eine Interaktion zwischen dem Volk Gottes, dem Evangelium, wie es uns in der Bibel offenbart wird und der uns umgebenden Gesellschaft. An jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt ist diese dreiseitige Kommunikation nötig, wenn das Evangelium in der Welt sichtbar werden soll.

Gospelchurchculture_diagram

Dieses Dreieck hilft uns zu verstehen, wie die Wesenszüge missionaler Gemeinde zueinander stehen. Mit anderen Worten geht es bei missionaler Gemeinde nicht darum, Gemeinde auf eine bessere Art zu „machen“, damit mehr egoistische Individualisten ihre privaten Bedürfnisse erfüllt bekommen. Bei missionaler Gemeinde geht es nicht nur um die Gemeindeecke des Dreiecks. Zu einer missionarischen Begegnung gehört mehr als die Gemeinde. Kommunikation kann nur stattfinden, wenn es eine echte Begegnung zwischen allen drei Ecken gibt. Wir können nicht länger davon ausgehen, dass wir ein allgemeingültiges Verständnis über unsere Kultur oder das Wesens des Evangeliums haben.

Das Basisdiagramm oben lässt sich leicht abändern, um die Tendenz in den postchristlichen Gemeinden des Westens abzubilden: Sie bilden sich weiter hin ein, dass die Kirche die Frage ist, die gestellt und das Problem ist, das gelöst werden muss - und zwar so, dass sowohl Evangelium als auch Gesellschaft zu untergeordneten Punkten dieser Beschäftigung mit der Gemeinde werden. Ein ekklesiozentrischer Grundzustand und eine Einseitigkeit, die das Vermächtnis des Christentums prägt.

Missiocontrastmissionary_diagram2

Mit anderen Worten geht es bei der Missio Dei einfach darum, was Gott in der Schöpfung, durch sie und quer durch sie hindurch tut. Die Berufung der Gemeinde ist es, sich die breiter angelegte Frage zu stellen, was Gott in der Schöpfung tut, und zugleich Zeichen, Zeugnis und Vorgeschmack für dieses Handeln Gottes zu sein. Dieses Handeln Gottes in Christus findet mit Sicherheit in und durch die Gemeinde statt. Die Gemeinde steht noch vor der ganzen Schöpfung im Zentrum der Absichten Gottes in dem Sinne, wie das Wirken Christi in der Schöpfung konkret gemacht und erfahrbar wird. Es geht hier nicht darum, die unglaubliche Würde, die Berufung und die ontologische Priorität der Gemeinde zu mindern. Es geht vielmehr darum, wie dieses Verständnis die missionalen Verschiebungen in Nordamerika geprägt hat und weiterhin prägen wird. Hier ist die Gemeinde das Ziel und das Ende wie auch der Inhalt und der Zweck. Genau diese Beschäftigung mit sich selbst hält die Christen Nordamerikas davon ab, sich auf die Art der missionarischen Dynamik einzulassen, die Newbegin uns so wortgewandt vorgestellt hat.

Auszüge des Originalartikels "What is Missional Church?" von Alan Roxburgh -- mit Erlaubnis übersetzt und verwendet. Copyright: Allelon Publishing, www.allelon.org.

"What is Missional Church?" (Ungekürzter Artikel auf Englisch)

"Understanding Missional Church"  (Workshop auf Englisch, PDF 2710 KB)

"Understanding Missional Church"  (Teilnehmerunterlagen auf Englisch, PDF 2629 KB) 

Alan Roxburgh ist Vizepräsident von Allelon Kanada (www.allelon.org). Er verfügt über 27-jährige Erfahrung als Gemeindeleiter und Pastor von Gemeinden in Kleinstädten, Großstädten und Vorortgemeinden, sowie in Leitungsfunktionen innerhalb einer Denomination.

März 20, 2009 in Books, Gemeinde-Innovation, Leitung, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)

Missionale Gemeinde – Wesenszüge und Bedeutung (Teil 1)

Alan Roxburgh

Gemeinde

Das Verständnis von Gemeinde hat sich radikal verändert. Nur: Viele Gemeinden haben noch nicht erkannt, dass das auch heißt: Gemeinde muss sich in der Praxis verändern und anders mit den Herausforderungen umgehen, die die Gesellschaft an sie stellt. Alan Roxburgh regt zu einem neuen Denken und Handeln an.

Gäbe es eine einfache Übersetzung für den Begriff "missionale Gemeinde", gäbe es weniger Verwirrung. Wenn Sie "missionale Gemeinde" bei Google suchen, finden sie alle möglichen Aussagen – nett und klar wie ein schön verpacktes Päckchen. Meistens aber schaffen es diese Aussagen nicht, unsere Fantasie anzuregen. SIe helfen uns auch nicht, aus vorgefertigten Meinungen und Denkmustern hinsichtlich Gemeinde auszubrechen.

Ohne zu versuchen, selbst eine Definition zu geben, möchte ich einige Themen anreißen, die Ihre Fantasie anregen und Ihnen eine neue Vorstellung von missionaler Gemeinde geben wollen.

Die westliche Gesellschaft als Missionsfeld

Missionale Gemeinde erkennt, dass die westliche Gesellschaft selbst ein Missionsfeld ist. Diese Tatsache ruft nach mehr als neuen Evangelisationstaktiken. Moderne Evangelisation entwickelte sich in einer Zeit, in der die meisten Menschen davon ausgingen, dass das Christentum ein normaler, regulativer Bestandteil der westlichen Kultur ist, in der sie leben. Die meisten Menschen kannten die Grundlagen des Evangeliums in der einen oder andern Form. Evangelisation erfüllte die Rolle, das Evangelium zu verteidigen und auf eine Entscheidung zu drängen. Das funktionierte in einer Welt, in der die Gesellschaft in weiten Teilen grundsätzlich mit dem Inhalt des Evangeliums vertraut war. Aber das ist heute nicht mehr der Fall.

Im Jahr 2002 veröffentlichte eine große britische Boulevardzeitung auf der Titelseite ein Interview mit einem britischen katholischen Bischof. Die Schlagzeile lautete: "Das Christentum ist in Großbritannien fast am Ende!"  Dasselbe könnte man über ganz Westeuropa sagen. Auch in Kanada hat der Großteil der nachwachsenden Generationen keine Vorstellung mehr von der christlichen Überlieferung. Noch vor 25 Jahren sah dies anders aus. Die Veränderung war dramatisch und kam sehr schnell. Die zersetzenden Kräfte waren jahrzehntelang unter der Oberfläche der Gesellschaft am Werk und erreichten genau dann den Wendepunkt, als durch die Gesellschaft ein großes Erdbeben ging. Amerika steht dieser Wandel bald bevor. Er hat bereits einige Regionen des Landes erreicht. Hinter der Fassade von Vorstadt-Megagemeinden gibt es immer mehr Amerikaner, die mit der Kirche, wie sie sich darstellt, nichts mehr zu tun haben wollen.

Die missionale Sprache betont die Tatsache, dass wir im Westen mit einer radikal neuen Herausforderung konfrontiert  sind. Wir befinden uns nicht in einer Situation, in der kleine Anpassungen oder Kurskorrektionen bei unserem bisherigen Vorgehen ausreichen. Wir müssen die Rahmenbedingungen  und Paradigmen überdenken, die die "Komm-und sieh-Gemeinde" das letzte halbe Jahrhundert über geprägt haben. Die Stellung von Denominationen und Ortsgemeinden muss zu der von Missionaren in der eigenen Kultur werden. Dazu braucht es mehr als ein paar leichte Anpassungen; das erfordert eine völlig neue Art von Gemeinde.

Bei Mission geht es um die "Missio Dei"

Lateinische Begriffe sind vielleicht nicht die adäquate Kommunikationsform im 21. Jahrhundert, aber das Erfassen des Wesens Gottes in Bezug auf Mission ist tatsächlich zentral für die missionale Konversation. Noch einmal: Wenn der Westen, einschließlich Nordamerika, ein Missionsgebiet ist, in dem die grundlegenden Inhalte des Evangeliums entweder verloren oder durch andere Werte und Geschichten verwässert sind, dann ist der Kern unserer Mission der Gott, der uns in Jesus Christus begegnet ist – der Gott, den wir in der Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist bekennen.

Das mag Ihnen so offensichtlich erscheinen, dass man es nicht extra erwähnen müsste, aber das ist nicht der Fall. In der westlichen Gesellschaft haben Gemeinden ihr Augenmerk weg von Gott gerichtet, darauf hin, wie Gott uns dient und unseren Nöten begegnet. Jesus Christus ist eine von vielen Möglichkeiten auf dem Markt der spirituellen Angebote, und dazu da, die privaten Bedürfnisse von Individuen zu befriedigen. Die Folge ist ein im Wert gemindertes, angepasstes, sterilisiertes Christentum, das dem Evangelium nicht gerecht wird.

Die biblischen Erzählungen drehen sich um Gottes Mission in, durch und zum Wohl der Welt. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf Gott, und nicht von Gott weg. Die "Missio Die" fußt auf einem auf Gott ausgerichteten und nicht auf einem auf die Erfüllung persönlicher Bedürfnisse ausgerichteten Verständnis von Jesu Leben, Tod und Auferstehung. Die Ausrichtung der Gemeinde ist sowohl missiologisch als auch doxologisch. Craig Van Gelder stellt zwei Fragen, um uns zu helfen, dies nachzuvollziehen: Die erste Frage lautet: Was tut Gott in dieser Welt? Dazu muss man genau hinschauen, um zu sehen, was Gott in unserem Wohnviertel, in den Schulen, am Arbeitsplatz etc. tut. Die zweite Frage lautet: Was möchte Gott in unserer Welt tun? Um diese Frage zu beantworten, braucht eine Gemeinde Weisheit und eine von Gott geführte Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was die Kraft des Evangeliums bewirken könnte, wenn Menschen bereit wären zuzuhören.

Immer wenn ich anderen Menschen diesen Aspekt der missionalen Gemeinde zumute, reagieren sowohl Klerus als auch Laien konsterniert und irritiert. Oft höre ich als Reaktion: "Wenn es im Evangelium nicht um die individuellen, persönlichen Nöte des einzelnen Menschen geht, um was geht es denn dann im Evangelium?“ Diese Frage offenbart das ganze Ausmaß, in dem wir unseren Bezugsrahmen ändern müssen, um das Evangelium wieder hören und praktizieren zu können. Der Begriff "missional" wurde gewählt, um die aktuelle Denkweise zu hinterfragen und herauszufordern. Er fordert

  • eine Verschiebung in der Verortung des Evangeliums hin zu Gott und seinen Taten,
  • ein Anerkennen der weitreichenden Kompromisse, die den christlichen Lebensstil heute ausmachen,
  • sowie eine Bereitschaft, diese herausfordernde Situation anzugehen.

Fortsetzung folgt ...

Alan Roxburgh ist Vizepräsident von Allelon Kanada (www.allelon.org). Er verfügt über 27-jährige Erfahrung als Gemeindeleiter und Pastor von Gemeinden in Kleinstädten, Großstädten und Vorortgemeinden, sowie in Leitungsfunktionen innerhalb einer Denomination.

Auszüge des Originalartikels "What is Missional Church?" von Alan Roxburgh -- mit Erlaubnis übersetzt und verwendet. Copyright: Allelon Publishing, www.allelon.org.

März 10, 2009 in Books, Gemeinde-Innovation, Leitung, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)

Natürliche Gemeindeentwicklung und REVEAL – Vergleichbare Ansätze?

Comparison_2

"REVEAL" – so heißt ein von Willow Creek neu entwickeltes Tool. Ein Fragebogenverfahren, das Einblick geben will in die geistliche Entwicklung und Zufriedenheit von Gemeindemitgliedern. Auf Fragen von Gemeindeleitern und Gemeindeberatern hin hat Christian A. Schwarz einen Artikel geschrieben, der die Unterschiede zwischen "REVEAL" und Natürlicher Gemeindeentwicklung (NGE) erklärt.

Download Artikel von Christian A. Schwarz:

Oktober 20, 2008 in Methodik, Natürliche Gemeindeentwicklung , News, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)

novavox-Konferenz mit Floyd McClung

Logo_3Floyd McClung wird im November 2008 zur ersten novavox-Konferenz nach Deutschland kommen. Das Thema: Ein missionales Leben - Wie Evangelisation, Diakonie und eine enge Gottesbeziehung in einem ganzheitlichen Lebensstil zusammenfinden können.

ACHTUNG: Frübucherfrist endet heute !!!

Diese "missional" genannte Art christlichen Glauben und Gemeinde zu leben, soll auf der Konferenz -- zusammen mit deutschen Praktikern -- grundsätzlich aber auch sehr praktisch und konkret reflektiert werden.

Datum: 6. - 8. November 2008

Konferenzort: Wuppertal

Flyer zum Download (PDF, 190 KB)

Weitere Info und Anmeldung: www.novavox.org

n o v a v o x versteht sich als ein offenes Netzwerk für Gemeindeinnovation und will missionalen Gedanken und Praktiken in Deutschland eine Stimme geben.

Juli 31, 2008 in forum gemeinde innovation (fgi), Gemeinde-Innovation, Gemeindegründung, News, Paradigmen, Werbung | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)

Wir leiden unter einer Kletterkrankheit!

Paul Ford

Knocking_over_the_leadership_ladderSo der Autor des 2006 erschienenen Buches Knocking Over the Leadership Ladder. Wir haben eine Leiter, die eigentlich jeder (potentielle) Leiter hochklettern soll. Eine Leiter, der man überall begegnet. Längst schon prägen westliche Geschäfts- und Managementkulturen, wie wir christliche Organisationen und Kirchengemeinden aufbauen und führen. Und sie verändern, wie wir Aufgaben, Prozesse und Ergebnisse unseres Dienstes im Reich Gottes verstehen. Gibt es Heilung?

All zu oft setzen wir Leitung mit einer Person gleich. Leiterschaft meint jedoch keine Person, sondern eine Reihe von Funktionen, die von einer Gruppe von Menschen ausgefüllt werden. So der Autor. Schließlich sei die Gemeinde eine Gemeinschaft.

Sein weiser Rat: Sei der Leiter, den Gott in dir erschaffen hat – und nicht der Leiter, den die Welt in dir sehen will.

Ein herausforderndes Buch: Viele Grundannahmen über Leiterschaft in christlichen Gemeinden werden erschüttert. Gleichzeitig bietet die Kernbotschaft eine wohltuende und heilende Erfrischung: Lerne der zu sein, der du bereits bist!

Zur Förderung dieses individuellen Lernprozesses hat Paul Ford ein Tool zur Entdeckung des eigenen Leitungspotenzials entwickelt: Your Leadership Grip/Birkman Blueprint. Ausschlag gebend für die Entwicklung dieses Tools waren drei überraschende Entdeckungen, die der Autor und Berater in seinen internationalen Dienst gemacht hat – und die er so beschreibt:

                        *****

Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen:

Überraschung Nr. 1

Fast zwei Jahrzehnte lang hat die evangelikale christliche Szene das Modell des "visionären Leiters" hochgehalten und gefördert. Doch wussten Sie, dass acht von zehn Leitern, mit denen ich gearbeitet habe, wirkungsvoller sind, wenn sie andere persönlich begleiten als wenn sie von vorn mittels einer Vision leiten?

Denken Sie einmal darüber nach: Wäre Gott an einem System interessiert, das jeden Einzelnen am Leib Christi ausrüstet und freisetzt, würde es absolut Sinn machen, dass er viele zurüstende und bevollmächtigende Leiter ("equipping leaders") kreiert, die an der Seite anderer ihren Platz finden. Wieso? Als Begleiter an der Seite einer anderen Person ist es leicht, aus dem Weg zu gehen. Leiter dagegen, die von vorne führen, stehen auch schnell im Weg.

Wollte Gott jeden Christ in einer großartigen Leiterrolle im Reich Gottes sehen, hätte er uns alle als visionäre Leiter geschaffen. Seine größere Hingabe gilt jedoch den Heiligen und deren Zurüstung und Freisetzung zum Dienst. Wer sich selbst und Teams im Einklang mit dem eigenen Potenzial führen kann, erzeugt Kraft, Freude, Frucht – und weitet das Reich Gottes im Sinne Gottes aus.
 
Überraschung Nr. 2

Der Team-Jargon ist nach wie vor sehr beliebt. Westliche Christen können das Wort Team jedoch kaum buchstabieren! Selbst postmoderne Menschen behaupten, dass sie sich nach Gemeinschaft sehnen. Ich habe entdeckt, dass dieses Verlangen nach echter Gemeinschaft durchaus echt ist. In der Regel ist es jedoch ein Verlangen nach Gemeinschaft "zu meinen eigenen Bedingungen". Nach meinem Verständnis geht es hier nicht um Gemeinschaft, sondern benutzerfreundliches Networking.

Denken Sie einmal darüber nach: Seitdem sich die westliche Welt auf der Beziehungsebene mehr und mehr zersplittert, ist eine der größten Veränderungsdynamiken der Verlust einer gemeinsamen Sprache. Nischenmärkte und "have it your way" Motive tragen auch nicht gerade zu einer größeren Gemeinsamkeit bei. Das Fehlen einer gemeinsamen Sprache erschwert jegliche Form von Einheit. Auch wenn wir uns tief nach einer gemeinsamen Einheit sehnen, ist die Verwirklichung dieses Zieles in der Praxis sehr schwierig: Unsere Sprache und Regeln sind oft so unterschiedlich in dieser vielschichtigen Welt. Wir müssen uns ganz gezielt und bewusst bewegen - weg von einem "Ich" und hin zu einem "Wir".

Überraschung Nr. 3

Ich arbeite fast ausschließlich mit christlichen Leitern – also mit Menschen, die angeblich draußen in der Welt stehen, um den Kurs vorzugeben. Erstaunlicherweise musste ich feststellen – nachdem ich mit etwa 20.000 Leitern in über mehr als zwanzig Kulturen gearbeitet habe – dass etwa sieben von 10 Leitern nicht wissen, wer sie hinsichtlich ihrer geistlichen Gaben in Christus sind. Und das trifft in besonderem Maß auf die U.S.A. zu.

Denken Sie einmal darüber nach: Evangelikale Christen in der westlichen Welt glauben tatsächlich, sie könnten Gott mit ihren Strategien helfen. Ist das nicht seltsam? So fragen sich manche beispielsweise, wie sie globale Gemeindegründungsbewegungen produzieren können. Ich meine begriffen zu haben, dass es der Heilige Geist ist, der solche dynamische Bewegungen bevollmächtigt.   

Was ist das Ergebnis? In unseren Trainings konzentrieren wir uns auf die Vermittlung der Fähigkeiten, die wir für notwendig halten, um unsere missionalen oder globalen Strategien umsetzen zu können. Doch oft entfernt das Menschen von dem Design, das Gott durch den Heiligen Geist und seinen Gaben in ihnen angelegt hat. Wir haben die Dinge auf den Kopf gestellt. Zuerst muss es um den Heiligen Geist gehen, dann erst um die Strategie! Man könnte sagen, dass wir Gottes gezielte und bewusste Ausrüstung des Leibes Christi ersetzen – Stück für Stück – mit unseren großartigen Ideen.

Angesichts meiner überraschenden Entdeckungen habe ich einen Prozess (Your Leadership Grip/Birkman Blueprint) entwickelt, der christlichen Leitern helfen soll, …   

  • sich selbst – im Einklang mit ihrer eigenen Identität – gut zu führen anstatt populäre Modelle missionaler oder visionären Leiterschaft zu übernehmen.

  • eine gemeinsame Sprache zu finden, die Christen aktiv and bewusst weg vom "Ich" und hin zum "Wir" bewegt. Drei kritische Fragen spielen hier eine Rolle: (1) Wo bin ich wirkungsvoll?, (2) Inwiefern bin ich schwach?, und (3) Wen brauche ich als Ergänzung?

  • Christen in ihrem Dienst zu vermitteln, was bei ihnen natürliches Talent im Gegensatz zu geistlicher Begabung oder dynamischer Kraft im Heiligen Geist ist. Ein Gabentest in Verbindung mit einem verhaltensorientiertem Persönlichkeitstest (Birkman Methode) kommt hier zum Einsatz.

  • aktiv nach den Menschen Ausschau zu halten, die Gott ihnen anvertraut hat, damit die Vision von Gemeinde als "Leib Christi" gefördert und die Vision der Leiters vertieft werden. 

                       *****

Dr. Paul Ford ist langjähriger und erfahrener Birkman Berater. 2003 entwickelte er das "Grip/Birkman Blueprint (GBB)" Verfahren. Inzwischen sind 18 Trainer und 60 GBB-Coaches in neun Kulturen, sechs Missionsorganisationen und einer Reihe von Gemeindeverbänden in Nordamerika aktiv. Webseite: www.drpaulford.org.

Juli 20, 2008 in Leitung, Paradigmen, Rezensionen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)

Mentoren gesucht!

Neil Cole

Strategie_2Die Missionsstrategie des Paulus als Modell für die Multiplikation von Mentoren.

Jesus wusste, was fehlte, um eine große Ernte reifer Seelen einzubringen: "Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter" (Mt 9,37). Auch heute braucht die Kirche einen Weg, um Arbeiter für eine größere Ernte zu multiplizieren. Durch Multiplikation der Arbeiter kann sowohl die Reichweite als auch die Intensität der Ernte gesteigert werden. Man redet heute viel von Mentoren. Es ist in der Tat wichtig, Leiter durch Mentoring-Beziehungen zu unterstützen. Aber noch wichtiger ist es, Mentoren zu multiplizieren.

Als ein biblisches Beispiel für die Multiplikation von Mentoren beschäftigt sich dieser Artikel mit dem Apostel Paulus.

Zweite Missionsreise  (Apg 15,36 – 18,22)

Auf seiner zweiten Missionsreise zwang Gott Paulus dazu, seine Strategie zu ändern und eine multiplikative Gemeindegründungsstrategie zu verfolgen. So schickte er ihn in eine der dunkelsten Städte der damaligen Zeit: nach Korinth. Auf der Reise dorthin reduzierte Gott das Missionsteam des Paulus (zunächst bestehend aus Paulus, Silas, Timotheus und Lukas) schrittweise, bis Paulus schließlich "alleine" in Korinth zurückblieb.

Gott zeigte Paulus auf eindrückliche Weise, dass es ihm nie gelingen würde, ein Team aufzubauen, das groß genug sein würde, um in jeder Stadt, in die er kam, jemanden zurücklassen zu können. Paulus merkte, dass der Produktionsbedarf die Produktionskapazitäten bei weitem überstieg. Sein Team war ausgerechnet dann völlig dezimiert, als er in der dunkelsten aller Städte ankam. Der Bedarf, das Evangelium zu verkünden, war weit größer, als sein Einfluss als Leiter reichte.

Gott wollte Paulus eine Lektion beibringen. Er erschien ihm in einer Vision, um ihn zu ermutigen, aber er instruierte ihn auch: "Bleib in der Stadt, mache Menschen zu Nachfolgern Jesu, die du in die ganze Welt schicken kannst. Du bist nicht alleine, ich bin mit dir, und hier gibt es viele Menschen, die dich bei deinen Bemühungen unterstützen werden." Lukas beschreibt es folgendermaßen: "Der Herr aber sagte nachts in einer Vision zu Paulus: Fürchte dich nicht! Rede nur, schweige nicht! Denn ich bin mit dir, niemand wird dir etwas antun. Viel Volk nämlich gehört mir in dieser Stadt. So blieb Paulus ein Jahr und sechs Monate und lehrte bei ihnen das Wort Gottes" (Apg 18,9-11).

Dies markierte eine einschneidende Wende in der Methode des Apostels. Gott forderte Paulus im Prinzip dazu auf, ein Team direkt aus der Ernte heraus zu bilden. Hier in Korinth lernte Paulus die Strategie, Gemeindegründer aus einer einzigen Gemeindearbeit heraus zu multiplizieren. Mitarbeiter, die er dann aussenden konnte, um Menschen zu Nachfolgern Jesu zu machen und neue Gemeinden zu gründen. Bald nach dieser Vision gewann Paulus Aquila und Priscilla für Jesus und wurde ihr Mentor. Diese beiden wurden später von Gott gebraucht, und zwar nicht nur in Korinth, sondern auch in Syrien, Rom und Ephesus. Anstatt nur eine Gemeinde zu gründen, multiplizierte Paulus sich selbst in einem Missionsteam, das überall im römischen Reich Gemeinden aufbauen konnte, genauso wie er es einst getan hatte. Paulus stellte fest, dass er das Evangelium doppelt so weit und doppelt so schnell verbreiten konnte, wenn er seine Energie darauf konzentrierte, sich als Leiter zu reproduzieren.

Der Plan ging auf. Die Produktionskapazität weitete sich aus, und die Produktion von Nachfolgern Jesu und Gemeinden nahm exponential zu. Paulus begann mit Priscilla und Aquila. Diese beiden zogen los und machten es genauso wie er. Auf diese Weise multiplizierten sie die Bemühungen des Paulus. Apollos, ein Nachfolger Jesu der dritten Generation, wiederum multiplizierte deren Bemühungen um ein Vielfaches. Paulus hatte eine strategische Lektion von seinem Lehrer gelernt, die eine entscheidende Rolle in seinen weiteren Missionsreisen spielen sollte.

Dritte Missionsreise (Apg 18,23 – 21,16)

Nachdem Paulus diese wertvolle Lektion gelernt hatte, investierte er sich auf seiner nächsten Reise ausschließlich in die Aufgabe, Mentor und Multiplikator für Leiter zu sein, die er aus der Ernte heraus ausbildete und als Arbeiter in die Ernte schicken konnte. Für diese Reise brauchte er nur ein Ein-Mann-Team – Paulus, den sich multiplizierenden Mentor. Paulus setzte innerhalb von drei Jahren eine regionale Gemeindegründungsstrategie von Ephesus aus um, durch die er ganz Kleinasien mittels Multiplikation erreichte (Apg 19,8; 20,31).

Seine Missionsreise führte ihn nicht in alle Städte Kleinasiens. Stattdessen blieb er in Ephesus, bildete Männer aus und schickte sie los, um ganz Kleinasien mit dem Wort Gottes zu erreichen. Ephesus wurde zur Muttergemeinde aller Gemeinen in Kleinasien. Später schrieb Paulus Briefe an Gemeinden, die er nie selbst gesehen hatte (Kol 2,1).

In Apostelgeschichte 19 und 20 finden wir sieben Schlüsselstrategien, die Paulus verfolgte, als er von Ephesus aus eine Bewegung steuerte, die das Evangelium über den ganzen Kontinent verbreiten sollten:

1. Paulus eröffnete eine lokale Basis für die Ausbildung von Gemeindegründern (Apg 19,9; 20,18).

2. Paulus setzte durch sein Vorbild sowohl in großen Versammlungen als auch im kleineren Rahmen eine Lehr- und Mentoring-Strategie um (Apg 20,19-20).

3. Paulus integrierte Evangelisation in die geistliche Ausbildung seiner Nachfolger ein als Grundlage für die Zurüstung von Leitern für den Dienst (Apg 20,21).

4. Paulus setzte die Macht des Wortes Gottes im Leben von Menschen frei, um die Multiplikationsbewegung von der Basis her zu stützen (Apg 19,20).

5. Paulus gab dem Heiligen Geist den ihm zustehenden Raum, um Nachfolger in den Dienst zu führen (Apg 20,28).

6. Paulus investierte sich in persönliche Mentoring-Beziehungen (Apg 20,31).

7. Paulus unterstellte seine Leiter der direkten Verantwortlichkeit gegenüber Gott. So war seine Anwesenheit nicht für die Fortführung seines Dienstes notwendig (Apg 20,32).

Wenn man eine Fotokopie von einer anderen Fotokopie macht, lässt die Qualität leicht nach. Wenn man von dieser Fotokopie wiederum eine Kopie macht, verschlechtert sich die Qualität noch einmal mehr. Mit jeder nachfolgenden Generation wird das Ergebnis unschärfer, bis es dem Original schließlich nicht mehr sonderlich ähnelt. Jede Kopie von einer Kopie enthält alle Fehler der vorangegangenen Kopien und steuert selbst noch ein paar Fehlstellen bei. Die Lösung besteht darin, alle Kopien direkt von Original zu machen; auf diese Weise minimiert man die Anfälligkeit für Fehler und stellt sicher, dass die Kopie dem Original so stark wie möglich gleicht. Eine Kopie kann dem Original im besten Fall sehr ähnlich sein – es gibt eben nur ein Original.

Wenn es darum geht, Nachfolger und Leiter zu reproduzieren, lässt sich dasselbe Prinzip anwenden. Jede nachfolgende Generation muss direkt mit dem Original verbunden sein, wenn sie die Reinheit und die Schönheit Gottes erhalten und widerspiegeln möchte. Jede Generation, die nur eine Kopie Gottes nachmacht, enthält die Fehler aus zwei Generationen. Jesus sagte, dass ein Schüler nicht besser sein kann als sein Lehrer; im besten Fall kann er so gut sein wie sein Lehrer (Mt 10,24-25). Wenn der Lehrer jeweils nur das nächst höhere Glied in der Kette ist, dann sinkt die Qualität der Schüler und Lehrer mit jeder Generation. Wenn aber der Schüler lernen kann, Gott als Lehrer zu haben, dann bleibt die Qualität der Schüler gleichbleibend hoch. Nach diesem Modell kann ein Schüler sogar einen größeren Einfluss haben als sein menschlicher Lehrer, wenn er Gott als seinem Lehrmeister nachfolgt.

Paulus hatte verstanden, dass die Menschen, die er ausbildete, Jesus als den eigentlichen Lehrmeister haben mussten. Sie mussten seine Schönheit, seine Reinheit und seine Gestalt in ihrem eigenen Leben verkörpern. Paulus war nur eine Kopie des Lehrmeisters; sie mussten direkt in Kontakt mit dem Original treten. Aus diesem Grund sagte er am Ende zu den Menschen, die sein Werk fortführen sollten:

"Und nun vertraue ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade an - seiner Botschaft, die euch ermutigen und euch ein Erbe geben kann gemeinsam mit allen, die er für sich ausgesondert hat" (Apg 20,32).

Paulus hatte eine Schlüsselstrategie entdeckt, die nicht nur seine eigenen Bemühungen multiplizierte, sondern auch möglich machte, dass sein Wirken in seiner Abwesenheit weitergeführt werden konnte. Das war offensichtlich ein Problem bei den Gemeinden, die er auf seinen früheren Missionsreisen gegründet hatte (Gal 4,18-20). Und so war es möglich, dass seine vierte Missionsreise, die ihn in Gefangenschaft nach Rom führte, gleichzeitig seine erfolgreichste Reise wurde.

Übersetzung einer gekürzten Fassung des Artikels "A Fresh Perspective of Paul's Missionary Strategies: The Mentoring for Multiplication Model"

Download Originalartikel auf Englisch (PDF, 75 KB)

Neil Cole leitet "Church Multiplication Associates" in Kalifornien, U.S.A., eine Organisation zur Förderung von Gemeindemultiplikation. Weitere Informationen: www.cmaresources.org.

Mai 1, 2008 in Gemeindegründung, Leitung, Methodik, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)

Gottes Liebe zum Anfassen!

Günther Hess

UntitledWie kann Christsein im heutigen Berlin praktisch und konkret werden? Mit der Initiative In-Meiner-Straße e.V. zeigt der Berliner Günther Hess, wie eine kreative und wirksame Antwort aussehen kann. Der Berliner Verein versteht sich als Netzwerk für lokale Kleingruppen von Christen, die sich in ihrer Nachbarschaft – idealerweise in ihrer eigenen Straße – praktisch einsetzen und Gottes Liebe zu den Menschen konkret machen.

Die Entwicklung von In-Meiner-Straße e.V. schildert Günther Hess folgendermaßen:

1. Die Wurzeln von inmeinerstrasse.de liegen eigentlich in Berlin-Kreuzberg. Dort habe ich in einem Nachbarschaftsladen in der Falkensteinstraße mitgemacht.

  • Das kleine Cafe war ein Anziehungspunkt für viele Obdachlose und Gestrandete kurz nach der Wende. Innerlich fragte ich Gott, wie man denn einen breiteren Querschnitt der Menschen in Berlin erreichen könnte.


  • Von türkischen Freunden habe ich gelernt, dass ein Weg dazu in die Wohnzimmer der Menschen führt: Zusammensitzen und Teetrinken.


  • Im Studium bin ich dann kurz mit dem Thema "Bürgerschaftliches Leben" in Berührung gekommen.

Aus diesen drei Bausteinen ist schließlich – nach Gebet, viel Zeit, in der die Idee reifen konnte und einer Reise nach Indien – die Vision von www.inmeinerstrasse.de entstanden. Seit etwa eineinhalb Jahren haben wir nun angefangen, konkret für die Umsetzung der Ideen zu beten und erste praktische Schritte zu gehen.

Mehr zum Grundgedanken

Mehr zu den Werten

2. Vor einigen Wochen entdeckte ich dann zu meiner Überraschung die Seite www.loveyourstreet.org von Laurence Singlehurst aus England. Noch nie zuvor hatte von einer anderen Person mit einer ähnlichen Idee gehört. Meine Begeisterung war groß!

Auch bei dieser Initiative geht es darum, Gottes Liebe als einzelne Person oder als christlicher Hauskreis in ganz praktischer Weise - ohne jede Vorbedingung - in der eigenen Nachbarschaft zu demonstrieren. Egal, ob die Menschen etwas mit dem christlichen Glauben am Hut haben oder nicht. Zu den praktischen Beispielen, die auf der Webseite genannt werden, gehören: gemeinsames Basteln, gemeinsame Partys, "Streife" laufen in der Nachbarschaft oder Hilfsbedürftigen unter die Arme greifen.

Darüber hinaus geht es dieser Initiative auch um das geistliche Wohlergehen der Menschen aus der eigenen Straße. Das wird im Slogan: "Be the secret pastor to those on your street" zusammengefasst – "Sei der inoffizielle Pastor für Menschen aus deiner Straße".

In seiner Antwortmail an mich fasst Laurence Singlehurst die Idee von www.loveyourstreet.com noch einmal schön zusammen:

"… So glad you like the idea. It is a very practical concept. As you can see from the website we have linked it with this thought of every Christian being a secret pastor, that we all have our own congregations, except ours are non-Christians and we love these good folks unconditionally but seek their spiritual welfare. Loving Your Street is a part of that. …"

3. Als ich diese Website entdeckte, fiel mir ein Gedanke aus dem Buch The Externally Focused Church von Rick Rusaw und Eric Swanson ein, das mir jemand vor ein paar Monaten gegeben hatte.

Dort erwähnt der Autor in seiner Einleitung einen großen Waldbrand, den er einmal miterlebt hat. Die betroffenen Menschen - und auch er selbst - waren von diesem Ereignis tief beeindruckt. Dieser Brand musste - so glaubten sie -eine der größten bisher eingetretenen Brandkatastrophen gewesen sein. In einem späteren Fernsehbericht sah der Autor jedoch, wie viele andere Brände - darunter auch viel größere Brände als den selbst miterlebten Brand - unabhängig voneinander am Brennen waren.

In dieser Erfahrung sieht der Autor dann ein Bild für die neue Bewegung Gottes, die an vielen Stellen unabhängig von einander heute aufbricht. Eine Bewegung, in denen Christen anfangen, Menschen in ganz praktischer, bürgerschaftlicher Weise zu dienen:

"There is a movement creeping its way across churches of all shapes, sizes, and denominations. It's gaining ground. .. They seek to be salt, light, and leaven in the community. They see themselves as the 'soul' of the community. They would be greatly missed by the community if they left." (S. 12 – The Externally focused Church)

4. Schließen möchte ich diesen kurzen Bericht mit einer provokativen Frage aus diesem Buch:

Was würden ganz normale, säkulare Menschen aus der Umgebung sagen, wenn ihre Gemeinde, ihr Hauskreis oder ihre Hauskirche plötzlich ihre Pforten schließen müsste und sie aufhören würde zu existieren?

Was wäre die Antwort? Protest? – Trauer? – Die Bitte, doch weiter zu machen? – Oder ist es so, dass ihre Gemeinde es noch nie geschafft hat, diesen Menschen spürbar zu vermitteln, dass sie wirklich gute Absichten hegen? – Bekanntlich ist ja das simple Hegen guter Absichten eine äußerst nutzlose Tätigkeit.

Weitere Informationen:

Internet: www.inmeinerstrasse.de

Blog: www.c-strasse.de

Günther Hess lebt in Berlin und ist Gründer des Nachbarschaftsprojektes In-Meiner-Straße e.V. Kontakt: hess@inmeinerstrasse.de

April 21, 2008 in Gemeinde-Innovation, Methodik, News, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (1)

Gemeinschaft ist nicht "programmierbar" (2)

Joseph R. Myers

BelongingGemeinschaft ist ein komplexes Wesen. Ein Grund für diese Komplexität liegt darin, dass es eine Vielzahl an Missverständnissen zu diesem Thema gibt. Drei dieser gängigen Irrtümer wurden bereits in Teil 1 vorgestellt. Drei weitere folgen hier …

Mythos 4: Mehr Persönlichkeit = tiefere Verbundenheit

Viele glauben, einige Menschen besäßen eine natürliche Fähigkeit, die es ihnen ermögliche, anderen auf einer tieferen Ebene zu begegnen. Sie gehen davon aus, dass eine geselligere, extrovertiertere Person weniger Schwierigkeiten hat, eine tiefere Verbundenheit und Gemeinschaft mit einer anderen Person zu erfahren als schüchterne Menschen.   

Dieser Irrtum gründet sich in einer Wahrnehmung, die sich auf das Äußere einer Begegnung konzentriert. Sie hat wenig mit der tatsächlichen Erfahrung zu tun. Ich habe mehrere extrovertierte Menschen befragt. Von außen betrachtet schienen sie kaum Mühe zu haben, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten. Dennoch wussten diese Personen von einer tiefen Sehnsucht nach Verbundenheit und Zugehörigkeit. Auf der anderen Seite haben mir schüchterne Menschen davon erzählt, wie reich und erfüllt ihr Leben aufgrund tieferer Beziehungen und Gemeinschaftserfahrungen ist.

Introvertiertheit und Extrovertiertheit sind angelernte Formen sozialen Verhaltens. Sie helfen uns, unser tägliches Leben zu steuern. Sie bilden zwei Kategorien, die uns dabei helfen, unsere Erfahrungen auf der Beziehungsebene zu verstehen und zu interpretieren. Introvertierte und extrovertierte Verhaltensweisen wirken sich dabei weder hinderlich noch förderlich auf unsere Erfahrung zwischenmenschlicher Nähe und Verbundenheit aus. Gesunde Gemeinschaftserfahrungen können von introvertierten und extrovertierten Personen gleichermaßen erfahren und entwickelt werden.

Mythos 5: Mehr Nähe = tiefere Verbundenheit

In Erinnerung an eine Zeit, in der Menschen weniger mobil waren als heute, tendieren manche dazu, einem 5. Mythos zu glauben: Geografische Nähe mündet unweigerlich in eine tiefere Gemeinschaftserfahrung. So sagt Randy Frazee, Lehrpastor in der Willow Creek Community Church (USA), beispielsweise: "Eine simple Tatsache ist, dass überall dort, wo man eine funktionierende Gemeinschaft findet, die Menschen nahe beieinander leben."

Diese Aussage ist gleichzeitig wahr und falsch. Es stimmt sicherlich, dass Menschen, die geografisch nahe beieinander leben, auch tiefere Beziehungen miteinander entwickeln und eine tiefere Verbundenheit erleben können. Doch räumliche Wahrnehmungen sind in gewisser Hinsicht auch immer eine Frage der Perspektive. So kann ein Gebäude in einer Situation eine gewisse Distanz vermitteln, in einer anderen Situation jedoch eine ganz andere Bedeutung gewinnen.

Ferner muss man "große Nähe" nicht unbedingt geografisch verstehen. Denken wir beispielsweise nur an wichtige Verbindungen (connections) zwischen Menschen, die digital hergestellt werden. Bulletin Boards ("schwarze Tafeln") und Chat Rooms im Internet, Instant Messaging und SMS-Kommunikation per Handy erfordern keine große geografische Nähe, um Menschen auf bedeutsame Weise miteinander in Verbindung zu bringen.

Mythos 6: Mehr Kleingruppen = tiefere Verbundenheit

Ich habe Pastoren oft zu ihren Gemeinden sagen hören: "Wir freuen uns, dass Sie uns besuchen. Wenn Sie aber wirklich erfahren wollen, was es heißt, Teil unserer Gemeinde zu sein, dann klinken Sie sich in eine unserer Kleingruppen ein."

Hinter solchen Aussagen steckt die Überzeugung: Kleingruppen sind der beste – wenn nicht sogar der einzige – Weg, um authentische Gemeinschaft zu erfahren. Fast jedes Buch, das ich zum Thema Gemeindeaufbau gelesen habe, sieht in Kleingruppen den Schlüssel für eine dynamische Gemeindearbeit und wirbt dementsprechend für den Aufbau von Kleingruppen. Ich habe aber auch gelesen, dass Gemeinden, die Kleingruppen anbieten, mit einer höchstens 30-prozentigen Beteiligung ihrer Gemeindeglieder rechnen können. Auch wenn 30 Prozent Beteiligung ein Zuwachs an Beteiligung im Vergleich zu Gemeinden ohne Kleingruppenangebot bedeutet, ist dieser Beteiligungsanteil doch immer noch sehr gering.

Warum nur 30 Prozent? Der Grund liegt einfach darin, dass Kleingruppen die vielen Facetten der menschlichen Sehnsucht nach Gemeinschaft nicht wirklich abdecken können. Kleingruppen ermöglichen Menschen nur eine bestimmte Art – vielleicht auch zwei Arten – des gegenseitigen "Andockens" auf einer tieferen Beziehungsebene - mehr aber nicht. Die Sehnsucht eines Menschen nach Gemeinschaft ist jedoch komplexer als das, was eine Kleingruppe bieten kann. Die Wahrheit ist, dass Menschen eine tiefere Verbundenheit und Zugehörigkeit zu anderen Menschen in Gruppengrößen von 2 bis 2.000 oder mehr erfahren können. Menschen sind in der Lage, verschiedene Wege auf ihrer Suche nach Gemeinschaft zu verfolgen. Viele Gemeinden haben ausschließlich die Kleingruppenstrategie verfolgt, nur um zu entdecken, dass sie in einer Sackgasse gelandet sind und wieder an dem Punkt stehen, wo sie angefangen haben.

Wahrscheinlich haben die meisten von uns einem oder mehr dieser sechs Mythen Glauben geschenkt – bewusst oder unbewusst. Und die meisten von uns haben sich vermutlich auch betrogen gefühlt, weil sich das dem entsprechenden Mythos zugrunde liegende Versprechen nicht erfüllte. Mir ist es jedenfalls so ergangen. Also begann ich, nach einer authentischen Beschreibung von menschlicher Verbundenheit, Beziehung und Zugehörigkeit ("belonging") zu suchen, um einen gemeinsamen Austausch über Gemeinschaft ("community conversation") anzuregen. Ferner begann ich, mich auf die Suche nach dem Platz zu machen, den tiefere menschliche Verbundenheit und Zugehörigkeit in meinem Leben einnimmt.

Bücher von Joseph R. Myers zur Vertiefung: 

Quelle: www.languageofbelonging.com

Joseph R. Myers (USA) ist Unternehmer, Referent, Autor und Eigentümer von FrontPorch, einer Beratungsfirma, die christlichen Gemeinden, Unternehmen und anderen Organisationen hilft, Gemeinschaft unter Menschen zu fördern und entwickeln.

März 3, 2008 in Leitung, Methodik, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)

Gemeinschaft ist nicht "programmierbar" (1)

Joseph R. Myers

Community

Können Gemeinschaftserfahrungen in christlichen Kreisen "erzeugt" werden? Mithilfe von geeigneten Programmen, Strategien und Kleingruppenmodellen? Joseph R. Myers – bekannt geworden durch seine beachtenswerten Bücher The Search to Belong und Organic Community – meint nein. Seine Überzeugung: Auf die Umgebung kommt es an. Begegnen sich Menschen in einer gesunden Umgebung, entwickeln sich tiefere Beziehungen und Verbundenheit ganz natürlich und spontan. Viele der gängigen Vorstellungen zur Förderung von Gemeinschaft hält er dagegen für Mythen. Nachdenkenswert!

Gemeinschaft ist ein komplexes Wesen. Eine funktionierende Gemeinschaft hängt von vielen Faktoren ab. Seitdem Familien und ihre Mitglieder immer seltener in räumlicher Nähe zueinander wohnen und Menschen in unserer Kultur immer mobiler werden, tun sich viele schwer mit Gemeinschaft. Viele lernen kaum noch die Fähigkeiten, die für eine gesunde Gemeinschaftserfahrung mit anderen Menschen notwendig sind.

Schulen, soziale Dienstleister, christliche Kirchen und Gemeinden sowie andere Organisationen unternehmen gemeinsame Anstrengungen, um Hilfe anzubieten. Doch es gibt auch einige weit verbreitete Mythen, die sich um die menschliche Suche nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft ranken. Mythen, die Verwirrung stiften. Denn sie sorgen dafür, dass die Definitionen, die wir gebrauchen, um unser Unterwegsein nach tieferer Beziehung und Verbundenheit mit anderen Menschen zu beschreiben, unklar und missverständlich werden.   

Mythos 1: Mehr Zeit = tiefere Verbundenheit

Der erste Mythos besagt: Je mehr Zeit in eine Beziehung investiert wird, desto authentischer und tiefer wird die Gemeinschaft mit einer anderen Person sein. Dieser Mythos ist weit verbreitet. Zeit hat aber in Wirklichkeit wenig mit der Fähigkeit einer Person zu tun, auf bedeutsame Weise Zugehörigkeit und tiefere Verbundenheit zu erfahren. Viele Menschen erzählen von erstmaligen oder gelegentlichen Begegnungen, aus denen spontan Erfahrungen eines tieferen Verbundenseins entsprungen sind. Es fallen dann Sätze wie "Ich bin dir zwar gerade erst begegnet. Dennoch kommt es mir so vor als ob ich dich schon ein Leben lang kenne." Kommen Ihnen diese Sätze bekannt vor?

Rosa erzählt folgende Begebenheit aus ihrer Gemeinde:

"Vor etwa einem Monat begann eine Frau namens Sandra, unsere Gemeinde zu besuchen. Sie hatte bisher keinerlei Erfahrungen mit christlichen Gemeinden gemacht. Bei einem einwöchigen Mexiko-Urlaub vor etwa vier Jahren hatte Sandra eine junge Frau beim Swimmingpool angesprochen. Wie sich in dem Gespräch herausstellte, befand sich die junge Frau in ihren Flitterwochen. Als sich schließlich der junge Ehemann auch zu ihnen gesellte, wollte sich Sandra höflich entschuldigen und zurückziehen. Doch das Paar führte das gemeinsame Gespräch mit ihr fort.

Immer wieder in ihrem Urlaub lief Sandra dem frisch vermählten über den Weg. Dabei erwähnten diese, dass sie eine Vineyard-Gemeinde in Kalifornien besuchten. Sandra betonte beim Erzählen, dass die beiden nicht versucht hätten, sie für ihre Gemeinde zu gewinnen. Ganz im Gegenteil: Das Thema wäre spontan in einem ihrer Gespräche aufgekommen. Kurz hätten die beiden Eheleute dabei erwähnt, dass sie Christen waren und eine Gemeinde besuchten. Sandra war beindruckt von der Freundlichkeit der beiden und der Art und Weise, wie sie miteinander umgingen. Für Sandra hatten sie etwas Anziehendes an sich. - Nach dem Mexiko-Urlaub und im Verlauf der vergangenen vier Jahre war Sandra dann immer wieder der Gedanke gekommen, eine Gemeinde zu besuchen. Schließlich begann sie, in einem Telefonbuch nach einer Vineyard-Gemeinde zu suchen (weil sie keine Ahnung hatte, wohin sie sonst gehen sollte) und so fand sie uns."

Eine kurze Begegnung am Swimmingpool, die Jahre später von großer Bedeutung war. Zugehörigkeit und tiefere Verbundenheit werden nicht vom Faktor Zeit bestimmt. Zeit allein hat keinen Einfluss darauf, ob zwei Menschen sich auf einer tieferen Ebene begegnen oder nicht.

Mythos 2: Mehr Verbindlichkeit = tiefere Verbundenheit

Oft glauben Menschen, dass Verbindlichkeit (commitment) und Gemeinschaft miteinander in Beziehung stehen. Dahinter steckt aber eine romantische Sichtweise. Wenn wir auf der Suche nach tieferer Verbundenheit sind, suchen wir nicht nach mehr Verbindlichkeit in unseren Beziehungen – wir wollen einfach nur auf einer tieferen Ebene mit einer anderen Person in Verbindung treten.   

Eine Beziehung, die sich auf Verbindlichkeit gründet, führt nicht automatisch zu einer tieferen Erfahrung der Zusammengehörigkeit. Ein verheiratetes Paar mag sich der gemeinsamen Ehebeziehung verpflichtet fühlen und dennoch den Schmerz verspüren, sich nicht wirklich nahe zu sein und zueinander zu gehören. Jeden Monat werde ich an meine finanziellen Verpflichtungen erinnert. Dennoch erfahre ich nie eine tiefere Verbundenheit aufgrund dieser Verpflichtungen, die ich eingegangen bin.

Wir brauchen bedeutsame Beziehungen, um gesunde Gemeinschaft zu erleben. "Bedeutsam" ist aber nicht dasselbe wie "eng" oder "verbindlich". Meine Frau Sara geht der alten Kunst des Teppichhäkelns nach. "Häkler" – wie sie sich selbst nennen – treffen sich über das ganze Land verteilt in kleinen Innungen, zu Wochenkursen und auf Konferenzen. Jeden Herbst besucht Sara eine Wochenendkonferenz im nördlichen Ohio. Diese Konferenz bedeutet ihr sehr viel. Denn sie findet dort praktische Unterstützung für die Ausübung ihres Kunsthandwerks. Sie begegnet Menschen, die die gleiche Leidenschaft wie sie haben. Meistens findet sie dort auch Ruhe und den nötigen Abstand zu ihrem Alltag.

Weder ihre Beziehung zur Konferenz noch ihre Beziehungen zu anderen Teilnehmern kann jedoch als "verbindlich" bezeichnet werden. Sara fühlt sich keineswegs dieser Konferenz verpflichtet. Jedes Jahr stellt sie sich erneut der Frage: "Will ich die Zeit und das Geld wirklich investieren? Oder sollte ich besser zuhause bleiben?" Obwohl sie die Konferenz mehrere Jahre hintereinander besucht hat, können die Veranstalter nicht mit ihrem Kommen rechnen. Worauf sie sich verlassen können, ist ihre Leidenschaft für dieses Kunsthandwerk und ihre Gewohnheit, über ihre Teilnahme erst im letzten Moment zu entscheiden.

Sara pflegt auch keine verbindliche Beziehung zu irgendeiner der teilnehmenden Personen. Erst jetzt hat sie damit begonnen, sich die Namen einiger Teilnehmer einzuprägen. Selten sucht sie den Kontakt außerhalb der Konferenz. Niemals hat sie bisher einen ihrer Bekannten von der Konferenz angerufen, um zu plaudern.

Diese Beziehungen können also keineswegs als "eng" oder "verbindlich" bezeichnet werden. Dennoch spielen sie eine wichtige Rolle in Saras Gemeinschaftserfahrung.

Mythos 3: Mehr Sinn = tiefere Verbundenheit

In den 1980er Jahren führte Tom Peters die "Search for Excellence"-Revolution innerhalb der Geschäftswelt an. Er und andere "verschrieben" angeschlagenen wie auch gesunden Organisationen "Statements", die die Vision, Mission und Zielsetzung der jeweiligen Organisation klären und auf den Punkt bringen. Gruppen wurden ins Leben gerufen, um Menschen bei ihrer Suche nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu helfen. Der erste Punkt auf der Tagesordnung galt der Formulierung einer Zielsetzung. Schließlich erfahren Menschen, wenn sie sich nach einem gemeinsamen Ziel ausstrecken, eine tiefe Verbundenheit. Richtig? 

Wir änderten sogar unsere Sprache. Mitarbeiter wurden nicht mehr gebeten, an Ausschuss-Sitzungen und Gremien teilzunehmen. Sie wurden nun als Teammitglieder verstanden, die zu Teamsitzungen eingeladen wurden. Diese einfachen Änderungen wurden vorgenommen, in der Hoffnung, die beteiligten Personen würden sich dadurch mehr miteinander verbunden fühlen.

Obwohl dieser neue Ansatz viel Gutes hervorbrachte, hat diese Strategie in Wirklichkeit sehr wenig mit Gemeinschaftserfahrung zu tun. Manchmal führt eine gemeinsame Leidenschaft oder ein gemeinsames Ziel dazu, dass Menschen enger zusammenrücken und sich tiefer miteinander verbunden fühlen. Aber nicht immer. Eine gemeinsame Vision oder ein gemeinsames Ziel garantieren noch lange nicht, dass es zu einer tieferen Verbundenheit zwischen den Beteiligten kommt.

Fortsetzung folgt ...

Bücher von Joseph R. Myers zur Vertiefung: 

Quelle: www.languageofbelonging.com

Joseph R. Myers (USA) ist Unternehmer, Referent, Autor und Eigentümer von FrontPorch, einer Beratungsfirma, die christlichen Gemeinden, Unternehmen und anderen Organisationen hilft, Gemeinschaft unter Menschen zu fördern und zu entwickeln.

Februar 20, 2008 in Leitung, Methodik, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)