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Juli 31, 2009 in > Aktuell: Seminare und Angebote <, Coaching, Gemeinde-Innovation, Gemeindegründung, Leitung, Methodik, Natürliche Gemeindeentwicklung , News, OQM, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)
Missionale Gemeinde – Wesenszüge und Bedeutung (Teil 2)
Alan Roxburgh
Das Verständnis von Gemeinde hat sich radikal verändert. Nur: Viele Gemeinden haben noch nicht erkannt, dass das auch heißt: Gemeinde muss sich in der Praxis verändern und anders mit den Herausforderungen umgehen, die die Gesellschaft an sie stellt. Alan Roxburgh regt zu einem neuen Denken und Handeln an.
Missionale Gemeinde ist Gemeinde als Kontrast zur Gesellschaft
Wenn wir über missionale Gemeinde sprechen, geht es darum, wie die Gemeinde in der westlichen Welt als Ausführende des Auftrags Gottes aussehen könnte. Die Diskussion konzentriert sich dabei auf zwei Bereiche: zum einen auf die Gesellschaft, in der wir uns befinden, zum anderen auf die Absichten Gottes in dieser Welt, wie sie sich uns durch Jesus Christus und sein Evangelium zeigen. Wir haben erkannt, dass sich unsere Gesellschaft durch massive Veränderungsprozesse bewegt, die die Kirche rasch von dem zentralen Platz, den sie früher innehatte, verdrängen. Das wirft grundsätzliche Fragen auf hinsichtlich der Beziehung zwischen christlichem Lebensstil und der pluralistischen Gesellschaft, in der wir leben. Was die Gesellschaft angeht, ist die Botschaft Jesu das Hereinbrechen von Gottes Herrschaft in diese Welt. Deshalb ist die Gemeinde die von Gott herausgerufene Gemeinschaft Gottes in einem konkreten kulturellen Umfeld.
Die Gemeinde ist eine ekklesia, das heißt eine Versammlung, die herausgerufen wurde, ein öffentliches Zeichen, ein Zeugnis und ein Vorgeschmack auf das zu sein, wozu Gott die ganze Schöpfung in Jesus Christus einlädt. Die Gemeinde, in ihrem gemeinschaftlichen Leben und ihrem Zeugnis für die Welt, proklamiert das Schicksal und die Zukunft der ganzen Schöpfung. Ortsgemeinden verkörpern das, wozu Gott die ganze Schöpfung durch die Kraft des Heiligen Geistes beruft. Der Gott, dem wir in Jesus Christus begegnen, beruft die Gemeinde dazu, eine Gemeinschaft von Menschen zu sein, die nicht mehr für sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse leben, sondern als Kontrastgesellschaft Gottes Zukunft für die ganze Schöpfung sichtbar werden lassen.
Als Kontrastgesellschaft formt sich die Gemeinde um Überzeugungen und Praktiken herum, die kontinuierlich einen Lebensstil prägen, der sich nicht vom gesellschaftlichen Umfeld ableiten lässt. Die Gesellschaft, in der wir leben - und in der wir als Kontrastgesellschaft leben sollen - bezeichnet man als spät-modern oder postmodern. In diesem Kontext lebt jeder nach seinen Rechten. In diesem Kontext herrscht schlicht die Annahme, dass Leben in einer toleranten und offenen Gesellschaft heißt, Räume zu schaffen, in denen persönliche Rechte, Gefühle oder Bedürfnisse nicht angetastet oder verletzt werden. Dies ist Teil des Wahnsinns der bedürfnisorientierten, sucherorientierten Mentalität der Kirche. Solche Ansätze sind tatsächlich davon überzeugt, dass sie der christlichen Tradition treu sind. In Wirklichkeit untergraben sie jedoch die Elemente, die wesentlich für eine Treue im missionalen Sinn sind. Wir möchten das Bedürfnis des Einzelnen nach Autonomie so sehr bestärken, dass wir den Zugang zu den Ressourcen verloren haben, die uns die Bibel und eine großartige christliche Tradition zur Verfügung stellt, um ein Volk zu formen und zu gestalten, das einen Kontrast zur Gesellschaft bilden kann.
Missionale Wesenszüge in einer Gesamtschau
Lesslie Newbegin sprach von einer dreiseitigen Kommunikation zwischen dem Evangelium, der Gemeinde und der Gesellschaft, in der sich die Gemeinde befindet. Die missionarische Begegnung erfordert eine Interaktion zwischen dem Volk Gottes, dem Evangelium, wie es uns in der Bibel offenbart wird und der uns umgebenden Gesellschaft. An jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt ist diese dreiseitige Kommunikation nötig, wenn das Evangelium in der Welt sichtbar werden soll.
Dieses Dreieck hilft uns zu verstehen, wie die Wesenszüge missionaler Gemeinde zueinander stehen. Mit anderen Worten geht es bei missionaler Gemeinde nicht darum, Gemeinde auf eine bessere Art zu „machen“, damit mehr egoistische Individualisten ihre privaten Bedürfnisse erfüllt bekommen. Bei missionaler Gemeinde geht es nicht nur um die Gemeindeecke des Dreiecks. Zu einer missionarischen Begegnung gehört mehr als die Gemeinde. Kommunikation kann nur stattfinden, wenn es eine echte Begegnung zwischen allen drei Ecken gibt. Wir können nicht länger davon ausgehen, dass wir ein allgemeingültiges Verständnis über unsere Kultur oder das Wesens des Evangeliums haben.
Das Basisdiagramm oben lässt sich leicht abändern, um die Tendenz in den postchristlichen Gemeinden des Westens abzubilden: Sie bilden sich weiter hin ein, dass die Kirche die Frage ist, die gestellt und das Problem ist, das gelöst werden muss - und zwar so, dass sowohl Evangelium als auch Gesellschaft zu untergeordneten Punkten dieser Beschäftigung mit der Gemeinde werden. Ein ekklesiozentrischer Grundzustand und eine Einseitigkeit, die das Vermächtnis des Christentums prägt.
Mit anderen Worten geht es bei der Missio Dei einfach darum, was Gott in der Schöpfung, durch sie und quer durch sie hindurch tut. Die Berufung der Gemeinde ist es, sich die breiter angelegte Frage zu stellen, was Gott in der Schöpfung tut, und zugleich Zeichen, Zeugnis und Vorgeschmack für dieses Handeln Gottes zu sein. Dieses Handeln Gottes in Christus findet mit Sicherheit in und durch die Gemeinde statt. Die Gemeinde steht noch vor der ganzen Schöpfung im Zentrum der Absichten Gottes in dem Sinne, wie das Wirken Christi in der Schöpfung konkret gemacht und erfahrbar wird. Es geht hier nicht darum, die unglaubliche Würde, die Berufung und die ontologische Priorität der Gemeinde zu mindern. Es geht vielmehr darum, wie dieses Verständnis die missionalen Verschiebungen in Nordamerika geprägt hat und weiterhin prägen wird. Hier ist die Gemeinde das Ziel und das Ende wie auch der Inhalt und der Zweck. Genau diese Beschäftigung mit sich selbst hält die Christen Nordamerikas davon ab, sich auf die Art der missionarischen Dynamik einzulassen, die Newbegin uns so wortgewandt vorgestellt hat.
Auszüge des Originalartikels "What is Missional Church?" von Alan Roxburgh -- mit Erlaubnis übersetzt und verwendet. Copyright: Allelon Publishing, www.allelon.org.
"What is Missional Church?" (Ungekürzter Artikel auf Englisch)
"Understanding Missional Church" (Workshop auf Englisch, PDF 2710 KB)
"Understanding Missional Church" (Teilnehmerunterlagen auf Englisch, PDF 2629 KB)
Alan Roxburgh ist Vizepräsident von Allelon Kanada (www.allelon.org). Er verfügt über 27-jährige Erfahrung als Gemeindeleiter und Pastor von Gemeinden in Kleinstädten, Großstädten und Vorortgemeinden, sowie in Leitungsfunktionen innerhalb einer Denomination.
März 20, 2009 in Books, Gemeinde-Innovation, Leitung, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)
Missionale Gemeinde – Wesenszüge und Bedeutung (Teil 1)
Alan Roxburgh
Das Verständnis von Gemeinde hat sich radikal verändert. Nur: Viele Gemeinden haben noch nicht erkannt, dass das auch heißt: Gemeinde muss sich in der Praxis verändern und anders mit den Herausforderungen umgehen, die die Gesellschaft an sie stellt. Alan Roxburgh regt zu einem neuen Denken und Handeln an.
Gäbe es eine einfache Übersetzung für den Begriff "missionale Gemeinde", gäbe es weniger Verwirrung. Wenn Sie "missionale Gemeinde" bei Google suchen, finden sie alle möglichen Aussagen – nett und klar wie ein schön verpacktes Päckchen. Meistens aber schaffen es diese Aussagen nicht, unsere Fantasie anzuregen. SIe helfen uns auch nicht, aus vorgefertigten Meinungen und Denkmustern hinsichtlich Gemeinde auszubrechen.
Ohne zu versuchen, selbst eine Definition zu geben, möchte ich einige Themen anreißen, die Ihre Fantasie anregen und Ihnen eine neue Vorstellung von missionaler Gemeinde geben wollen.
Die westliche Gesellschaft als Missionsfeld
Missionale Gemeinde erkennt, dass die westliche Gesellschaft selbst ein Missionsfeld ist. Diese Tatsache ruft nach mehr als neuen Evangelisationstaktiken. Moderne Evangelisation entwickelte sich in einer Zeit, in der die meisten Menschen davon ausgingen, dass das Christentum ein normaler, regulativer Bestandteil der westlichen Kultur ist, in der sie leben. Die meisten Menschen kannten die Grundlagen des Evangeliums in der einen oder andern Form. Evangelisation erfüllte die Rolle, das Evangelium zu verteidigen und auf eine Entscheidung zu drängen. Das funktionierte in einer Welt, in der die Gesellschaft in weiten Teilen grundsätzlich mit dem Inhalt des Evangeliums vertraut war. Aber das ist heute nicht mehr der Fall.
Im Jahr 2002 veröffentlichte eine große britische Boulevardzeitung auf der Titelseite ein Interview mit einem britischen katholischen Bischof. Die Schlagzeile lautete: "Das Christentum ist in Großbritannien fast am Ende!" Dasselbe könnte man über ganz Westeuropa sagen. Auch in Kanada hat der Großteil der nachwachsenden Generationen keine Vorstellung mehr von der christlichen Überlieferung. Noch vor 25 Jahren sah dies anders aus. Die Veränderung war dramatisch und kam sehr schnell. Die zersetzenden Kräfte waren jahrzehntelang unter der Oberfläche der Gesellschaft am Werk und erreichten genau dann den Wendepunkt, als durch die Gesellschaft ein großes Erdbeben ging. Amerika steht dieser Wandel bald bevor. Er hat bereits einige Regionen des Landes erreicht. Hinter der Fassade von Vorstadt-Megagemeinden gibt es immer mehr Amerikaner, die mit der Kirche, wie sie sich darstellt, nichts mehr zu tun haben wollen.
Die missionale Sprache betont die Tatsache, dass wir im Westen mit einer radikal neuen Herausforderung konfrontiert sind. Wir befinden uns nicht in einer Situation, in der kleine Anpassungen oder Kurskorrektionen bei unserem bisherigen Vorgehen ausreichen. Wir müssen die Rahmenbedingungen und Paradigmen überdenken, die die "Komm-und sieh-Gemeinde" das letzte halbe Jahrhundert über geprägt haben. Die Stellung von Denominationen und Ortsgemeinden muss zu der von Missionaren in der eigenen Kultur werden. Dazu braucht es mehr als ein paar leichte Anpassungen; das erfordert eine völlig neue Art von Gemeinde.
Bei Mission geht es um die "Missio Dei"
Lateinische Begriffe sind vielleicht nicht die adäquate Kommunikationsform im 21. Jahrhundert, aber das Erfassen des Wesens Gottes in Bezug auf Mission ist tatsächlich zentral für die missionale Konversation. Noch einmal: Wenn der Westen, einschließlich Nordamerika, ein Missionsgebiet ist, in dem die grundlegenden Inhalte des Evangeliums entweder verloren oder durch andere Werte und Geschichten verwässert sind, dann ist der Kern unserer Mission der Gott, der uns in Jesus Christus begegnet ist – der Gott, den wir in der Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist bekennen.
Das mag Ihnen so offensichtlich erscheinen, dass man es nicht extra erwähnen müsste, aber das ist nicht der Fall. In der westlichen Gesellschaft haben Gemeinden ihr Augenmerk weg von Gott gerichtet, darauf hin, wie Gott uns dient und unseren Nöten begegnet. Jesus Christus ist eine von vielen Möglichkeiten auf dem Markt der spirituellen Angebote, und dazu da, die privaten Bedürfnisse von Individuen zu befriedigen. Die Folge ist ein im Wert gemindertes, angepasstes, sterilisiertes Christentum, das dem Evangelium nicht gerecht wird.
Die biblischen Erzählungen drehen sich um Gottes Mission in, durch und zum Wohl der Welt. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf Gott, und nicht von Gott weg. Die "Missio Die" fußt auf einem auf Gott ausgerichteten und nicht auf einem auf die Erfüllung persönlicher Bedürfnisse ausgerichteten Verständnis von Jesu Leben, Tod und Auferstehung. Die Ausrichtung der Gemeinde ist sowohl missiologisch als auch doxologisch. Craig Van Gelder stellt zwei Fragen, um uns zu helfen, dies nachzuvollziehen: Die erste Frage lautet: Was tut Gott in dieser Welt? Dazu muss man genau hinschauen, um zu sehen, was Gott in unserem Wohnviertel, in den Schulen, am Arbeitsplatz etc. tut. Die zweite Frage lautet: Was möchte Gott in unserer Welt tun? Um diese Frage zu beantworten, braucht eine Gemeinde Weisheit und eine von Gott geführte Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was die Kraft des Evangeliums bewirken könnte, wenn Menschen bereit wären zuzuhören.
Immer wenn ich anderen Menschen diesen Aspekt der missionalen Gemeinde zumute, reagieren sowohl Klerus als auch Laien konsterniert und irritiert. Oft höre ich als Reaktion: "Wenn es im Evangelium nicht um die individuellen, persönlichen Nöte des einzelnen Menschen geht, um was geht es denn dann im Evangelium?“ Diese Frage offenbart das ganze Ausmaß, in dem wir unseren Bezugsrahmen ändern müssen, um das Evangelium wieder hören und praktizieren zu können. Der Begriff "missional" wurde gewählt, um die aktuelle Denkweise zu hinterfragen und herauszufordern. Er fordert
- eine Verschiebung in der Verortung des Evangeliums hin zu Gott und seinen Taten,
- ein Anerkennen der weitreichenden Kompromisse, die den christlichen Lebensstil heute ausmachen,
- sowie eine Bereitschaft, diese herausfordernde Situation anzugehen.
Fortsetzung folgt ...
Alan Roxburgh ist Vizepräsident von Allelon Kanada (www.allelon.org). Er verfügt über 27-jährige Erfahrung als Gemeindeleiter und Pastor von Gemeinden in Kleinstädten, Großstädten und Vorortgemeinden, sowie in Leitungsfunktionen innerhalb einer Denomination.
Auszüge des Originalartikels "What is Missional Church?" von Alan Roxburgh -- mit Erlaubnis übersetzt und verwendet. Copyright: Allelon Publishing, www.allelon.org.
März 10, 2009 in Books, Gemeinde-Innovation, Leitung, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)
novavox-Konferenz mit Floyd McClung
Floyd McClung wird im November 2008 zur ersten novavox-Konferenz nach Deutschland kommen. Das Thema: Ein missionales Leben - Wie Evangelisation, Diakonie und eine enge Gottesbeziehung in einem ganzheitlichen Lebensstil zusammenfinden können.
ACHTUNG: Frübucherfrist endet heute !!!
Diese "missional" genannte Art christlichen Glauben und Gemeinde zu leben, soll auf der Konferenz -- zusammen mit deutschen Praktikern -- grundsätzlich aber auch sehr praktisch und konkret reflektiert werden.
Datum: 6. - 8. November 2008
Konferenzort: Wuppertal
Flyer zum Download (PDF, 190 KB)
Weitere Info und Anmeldung: www.novavox.org
n o v a v o x versteht sich als ein offenes Netzwerk für Gemeindeinnovation und will missionalen Gedanken und Praktiken in Deutschland eine Stimme geben.
Juli 31, 2008 in forum gemeinde innovation (fgi), Gemeinde-Innovation, Gemeindegründung, News, Paradigmen, Werbung | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)
Gottes Liebe zum Anfassen!
Günther Hess
Wie kann Christsein im heutigen Berlin praktisch und konkret werden? Mit der Initiative In-Meiner-Straße e.V. zeigt der Berliner Günther Hess, wie eine kreative und wirksame Antwort aussehen kann. Der Berliner Verein versteht sich als Netzwerk für lokale Kleingruppen von Christen, die sich in ihrer Nachbarschaft – idealerweise in ihrer eigenen Straße – praktisch einsetzen und Gottes Liebe zu den Menschen konkret machen.
Die Entwicklung von In-Meiner-Straße e.V. schildert Günther Hess folgendermaßen:
1. Die Wurzeln von inmeinerstrasse.de liegen eigentlich in Berlin-Kreuzberg. Dort habe ich in einem Nachbarschaftsladen in der Falkensteinstraße mitgemacht.
- Das kleine Cafe war ein Anziehungspunkt für viele Obdachlose und Gestrandete kurz nach der Wende. Innerlich fragte ich Gott, wie man denn einen breiteren Querschnitt der Menschen in Berlin erreichen könnte.
- Von türkischen Freunden habe ich gelernt, dass ein Weg dazu in die Wohnzimmer der Menschen führt: Zusammensitzen und Teetrinken.
- Im Studium bin ich dann kurz mit dem Thema "Bürgerschaftliches Leben" in Berührung gekommen.
Aus diesen drei Bausteinen ist schließlich – nach Gebet, viel Zeit, in der die Idee reifen konnte und einer Reise nach Indien – die Vision von www.inmeinerstrasse.de entstanden. Seit etwa eineinhalb Jahren haben wir nun angefangen, konkret für die Umsetzung der Ideen zu beten und erste praktische Schritte zu gehen.
2. Vor einigen Wochen entdeckte ich dann zu meiner Überraschung die Seite www.loveyourstreet.org von Laurence Singlehurst aus England. Noch nie zuvor hatte von einer anderen Person mit einer ähnlichen Idee gehört. Meine Begeisterung war groß!
Auch bei dieser Initiative geht es darum, Gottes Liebe als einzelne Person oder als christlicher Hauskreis in ganz praktischer Weise - ohne jede Vorbedingung - in der eigenen Nachbarschaft zu demonstrieren. Egal, ob die Menschen etwas mit dem christlichen Glauben am Hut haben oder nicht. Zu den praktischen Beispielen, die auf der Webseite genannt werden, gehören: gemeinsames Basteln, gemeinsame Partys, "Streife" laufen in der Nachbarschaft oder Hilfsbedürftigen unter die Arme greifen.
Darüber hinaus geht es dieser Initiative auch um das geistliche Wohlergehen der Menschen aus der eigenen Straße. Das wird im Slogan: "Be the secret pastor to those on your street" zusammengefasst – "Sei der inoffizielle Pastor für Menschen aus deiner Straße".
In seiner Antwortmail an mich fasst Laurence Singlehurst die Idee von www.loveyourstreet.com noch einmal schön zusammen:
"… So glad you like the idea. It is a very practical concept. As you can see from the website we have linked it with this thought of every Christian being a secret pastor, that we all have our own congregations, except ours are non-Christians and we love these good folks unconditionally but seek their spiritual welfare. Loving Your Street is a part of that. …"
3. Als ich diese Website entdeckte, fiel mir ein Gedanke aus dem Buch The Externally Focused Church von Rick Rusaw und Eric Swanson ein, das mir jemand vor ein paar Monaten gegeben hatte.
Dort erwähnt der Autor in seiner Einleitung einen großen Waldbrand, den er einmal miterlebt hat. Die betroffenen Menschen - und auch er selbst - waren von diesem Ereignis tief beeindruckt. Dieser Brand musste - so glaubten sie -eine der größten bisher eingetretenen Brandkatastrophen gewesen sein. In einem späteren Fernsehbericht sah der Autor jedoch, wie viele andere Brände - darunter auch viel größere Brände als den selbst miterlebten Brand - unabhängig voneinander am Brennen waren.
In dieser Erfahrung sieht der Autor dann ein Bild für die neue Bewegung Gottes, die an vielen Stellen unabhängig von einander heute aufbricht. Eine Bewegung, in denen Christen anfangen, Menschen in ganz praktischer, bürgerschaftlicher Weise zu dienen:
"There is a movement creeping its way across churches of all shapes, sizes, and denominations. It's gaining ground. .. They seek to be salt, light, and leaven in the community. They see themselves as the 'soul' of the community. They would be greatly missed by the community if they left." (S. 12 – The Externally focused Church)
4. Schließen möchte ich diesen kurzen Bericht mit einer provokativen Frage aus diesem Buch:
Was würden ganz normale, säkulare Menschen aus der Umgebung sagen, wenn ihre Gemeinde, ihr Hauskreis oder ihre Hauskirche plötzlich ihre Pforten schließen müsste und sie aufhören würde zu existieren?
Was wäre die Antwort? Protest? – Trauer? – Die Bitte, doch weiter zu machen? – Oder ist es so, dass ihre Gemeinde es noch nie geschafft hat, diesen Menschen spürbar zu vermitteln, dass sie wirklich gute Absichten hegen? – Bekanntlich ist ja das simple Hegen guter Absichten eine äußerst nutzlose Tätigkeit.
Weitere Informationen:
Internet: www.inmeinerstrasse.de
Blog: www.c-strasse.de
Günther Hess lebt in Berlin und ist Gründer des Nachbarschaftsprojektes In-Meiner-Straße e.V. Kontakt: hess@inmeinerstrasse.de
April 21, 2008 in Gemeinde-Innovation, Methodik, News, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (1)
Verbindlich leben
Thomas Fode
Unter diesem Thema ist ein neuer und bemerkenswerter EKD-Text zu Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) erschienen. Diese bilden "… nach Überzeugung des Rates der EKD eine geistlich wichtige Kraft in der evangelischen Kirche, die es zu fördern gilt …" Ein sehr lesenswertes Dokument, ...
... das nicht nur die Chancen und Grenzen gemeinschaftlichen Lebens beschreibt, sondern auch ein klares Votum für eine gegenseitige Ergänzung von Gemeinschaften und kirchlichen Ortsgemeinden abgibt. Mit vielen hilfreichen Anregungen für das Miteinander von jüngeren und älteren Gemeinschaften und den verfassten Kirchen bietet das Dokument eine hervorragende Grundlage auch für Gespräche zwischen neu entstehenden geistlichen Bewegungen und der Ortsgemeinde oder Kirchenleitung.
Mehr unter www.ekd.de
Download: EKD-Texte 88 (230 KB)
Vollständiger Titel:
Verbindlich leben. Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften in der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ein Votum des Rates der EKD zur Stärkung evangelischer Spiritualität.EKD-Texte 88, 2007
Mit einem Geleitwort des Vorsitzenden des Rates der EKD Bischof Dr. Wolfgang Huber.
Eine hilfreiche Dokumentation aller innerkirchlichen Kommunitäten und Gemeinschaften findet sich im Anhang.
September 10, 2007 in Gemeinde-Innovation, Gemeindegründung, News | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)
Wenn die Kirche zu den Menschen geht …
Wie "missionale Gemeinde" konkret werden kann, zeigt ein inspirierendes Beispiel aus Wales. "Solace - The new Bar Church" nennt sich dort eine neu geründete Kirche, die sich in einem Nachtclub trifft.
Mehr als 100 Menschen erschienen zur ersten "Night of Solace" (Nacht des Trostes), die in einer Bar in Cardiff, Wales stattfand. Dort gab es keine Kanzel, keine steife Zeremonie oder 300 Jahre alte englischen Kirchenlieder, die viele nicht mehr verstehen ...
Stattdessen saßen die Gäste an runden Tischen, mit Getränken vor sich, hörten Musik und unterhielten sich. "Wer möchte den Sonntagmorgen opfern, um jemandem auf einer Kanzel zuhören zu müssen, der jedem erzählt, was er denken soll, ohne dass es eine Möglichkeit gibt, etwas auszudiskutieren oder wenigstens Fragen stellen zu können?" fragt uns die Evangelistin Wendy Sanderson. "Wir wollten einen geschützten Rahmen schaffen, wo Menschen einander begegnen, an einem Ort, den sie schon kennen, wo sie Spaß haben und Gott kennen lernen können. Es ist ein Weg, um Menschen, die aus der Szene kommen, mit der Kirche bekannt zu machen. Wenn die Kirche zu religiös wird, können die Menschen, die sich außerhalb befinden, gar nicht in die Kirche kommen, weil diese zu fremd für sie ist und sie sie nicht verstehen können", erzählt sie uns.
"Vor 2000 Jahren bestand die Kirche nur aus einer Handvoll Menschen, zusammengeschweißt durch die Dinge, die sie mit Jesus erlebt hatten. Es gab keine vorgefertigten Konzepte, Normen oder Kirchenlehre. Es gab keine Kanzel, keine Gebäude, keine farbigen Glasfenster, kein Gesangsbuch. Sie trafen sich, wo immer sie waren und wo immer sie konnten. Dies ist eigentlich bei uns auch so. Alles, was wir möchten, ist, die Menschen dort zu erreichen, wo sie sind - in ihrem alltäglichen Leben, in Schulen, Einkaufszentren und auch Clubs. Wir wollen den Menschen den wirklichen Jesus zeigen und möchten der Kirche helfen, sich der heutigen Generation anzunähern. Die Kirche soll echt, relevant, radikal, gefährlich und fröhlich sein."
Quelle: Joel News, Ausgabe 14 (2007) und Michael Ireland, ANS.
Websites zum Artikel:
August 21, 2007 in Gemeinde-Innovation, Gemeindegründung | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (1)
DAWN/Eurochurch-Konferenz 2007
Reinhold Scharnowski
"I think it was a very good event with an interesting group - certainly one of the best I've attended". So das Urteil eines routinierten Kongressteilnehmers über die erste gemeinsame Konferenz, die eurochurch.net (www.eurochurch.net) und das DAWN European Network (www.dawneurope.net) vom 17.-19. April 2007 in Wilderswil/Schweiz abhielten. Etwa 60 Leiter aus ganz Europa machten sich intensiv Gedanken über Chancen und Möglichkeiten apostolischer Bewegungen und Gemeinde-Neugründungen in Europa.
Die Konferenz war bewusst als Gesprächsforum konzipiert und nicht um große Hauptredner herum aufgebaut worden – vielleicht ein Grund, warum von Anfang an ein intensiver, lebendiger und praxisbezogener Austausch stattfand. Ein entscheidender Impuls kam von Florian Bärtsch (Rümlang, Schweiz), der einen ausführlichen Überblick über von ihm initiierte Gemeindegründungs-Bewegungen gab. Kleine Strukturen, eine bewusste Strategie, viel Gebet und ein klarer Einbezug des Übernatürlichen waren einige der Kennzeichen, die er für das Entstehen einer Bewegung als unabdingbar erachtet.
Missionale Leiter sollen sich ganzheitlich begegnen. Darum war neben intensiven Diskussionen und Gruppenarbeiten auch Zeit für einen Ausflug in die Bergwelt des Berner Oberlandes sowie für eine abendliche Zeit alternativen „Worships“, geleitet von Andrew Jones (Orkney, Schottland).
Die beiden Bewegungen eurochurch.net und DAWN European Network (DEN) vernetzen und mobilisieren missionale Denker und Praktiker. Seit einiger Zeit arbeiten beide europaweit eng zusammen. eurochurch.net (als Nachfolgerin der European Church Growth Association) bringt Leiter aus Europa unter der Frage zusammen, wie missionale Gemeinde im 21. Jahrhundert aussehen kann und müsste. Leiter dieses Netzwerkes ist Dr. Martin Robinson (Birmingham, Großbritannien). Das DAWN European Network (DEN) arbeitet auf nationale Gemeindegründungs-Strategien in jedem westeuropäischen Land hin. Europäischer Leiter ist Reinhold Scharnowski (Steffisburg, Schweiz).
Weitere Fotos von der Konferenz: Album 1 und Album 2
Ein Beitrag von Nick Cuthbert (Riverside Church, Birmingham, Großbritannien) kann hier gehört werden.
Mai 21, 2007 in Gemeinde-Innovation, Gemeindegründung, News | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)
Am Ende der Christenheit
Reinhold Scharnowski
Eigentlich spüren es viele, aber kaum jemand wagt es auszudrücken. Der englische Autor Stuart Murray macht es in seinem Buch Post Christendom (Nach der Christenheit, 2004) in aller Deutlichkeit klar: die Zeit des Christentums in Westeuropa geht ihrem Ende entgegen, ja ist eigentlich bereits vorbei. Was meint er damit?
Nicht die Zeit des Christentums als Weltreligion, auch nicht die Zeit der Gemeinde oder der missionarischen Chancen geht zu Ende (ganz im Gegenteil). Es geht beim "Ende des Christentums" um die gut 1700jährige Epoche der offiziellen christlichen Kirche als kulturprägende Kraft in den meisten westeuropäischen Ländern. Es geht um die konstantinische Verbindung von Kirche, Staat und Gesellschaft - und um den privilegierten Status, den das Christentum in unseren Ländern innehatte. Diese Erkenntnis ist bei Missiologen nicht neu – aber wie immer, braucht es länger bis sie zur Basis durchdringt. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Gerade in der Schweiz träumen viele davon, die christliche Dominanz, symbolisiert im "Schweizerkreuz", wiederherzustellen. Der Abschied tut weh, sehr weh, vor allem, wenn man Evangelium und nationale Identität eng miteinander verknüpft.
Stuart Murray schreibt als Engländer und als Baptist. Er beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie sich die Kirche - einschließlich der Freikirchen, die auch ein Produkt des "Christentums" sind - in einer Kultur verhalten soll, die sie nicht länger "besitzt". Wir stecken ja mitten in kulturellen Turbulenzen und einer Übergangsphase, die das Ende der langen Ära des Christentums mit sich bringt.
Zunächst rollt der Autor die Geschichte des Christentums auf. Die Kirche umfasste zur Zeit Konstantins ja immerhin 10% der Bevölkerung und war über 250 Jahre lang mit einer Rate von über 40% pro Jahrzehnt gewachsen. Nun wurde sie mit dem Edikt von Nicäa im Jahr 325 quasi über Nacht zur Staatsreligion. 529 machte Justinian die Bekehrung zur Pflicht - Juden ausgenommen - und schrieb vor, dass alle Neugeborenen getauft werden müssen. Das Christentum wurde zur Standard-Religion und lieferte den Rahmen für das mittelalterliche Europa. Im 14. Jahrhundert war Europa ein "christlicher" Kontinent mit gemeinsamem Glauben, gemeinsamem Zugehörigkeitsbewusstsein zur Kirche und gemeinsamen Verhaltensnormen. Jesus wurde marginalisiert; an die Stelle der Mission trat die Erhaltung. Natürlich gab es immer Strömungen neben den großen Kirchen, die versuchten, die Qualität des ursprünglichen Glaubens wiederherzustellen, so etwa die Lollarden und Waldenser des 15. Jahrhunderts, deren Programm im Übrigen erstaunlich dem der heutigen Basis- und Hausgemeinde-Bewegungen gleicht. Aber sie blieben Randerscheinungen und wurden in der Regel massiv bekämpft.
Mit der Reformation zerbrach der große Block in mehrere "Christenheiten". Die Reformatoren veränderten einige Aspekte des Glaubens und der Ethik. Die Grundstruktur des ganzen Systems - Zwangskirche, Kindertaufe, Hierarchie, Priester-Laien-Dualismus usw. - wurde aber nicht hinterfragt. Auch gründeten die Reformatoren kaum neue Gemeinden, sondern "reformierten" die alten katholischen Strukturen (was generell zu weniger radikalen Veränderungen führt als die Gründung neuer Gemeinden). In den kommenden Jahrhunderten blieben die Strukturen, die Inhalte jedoch wurden durch Aufklärung und Säkularisierung zunehmend verdünnt. Heute zeigt sich, dass die immer brüchiger werdenden Strukturen diese innere Entleerung nicht mehr kompensieren können. Die konstantinische Struktur ist am Ende.
Reaktionen
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, auf diese seismische Verschiebung zu reagieren:
- Leugnen
Viele Christen leugnen das Ende der christlichen Kultur. Sie sehen nur ein vorübergehendes Phänomen und meinen, eines Tages die christliche Gesellschaft wiederherstellen zu können. Gemeinden und Konferenzen laufen als sei alles beim Alten. Viele Mitarbeiter arbeiten härter, aber mit weniger Ergebnissen.
- Verteidigen
Wer das Ende des Christentums feststellt, wird beschuldigt, mit der Säkularisation gemeinsame Sache zu machen und das christliche Erbe zu verraten. Richtigerweise wird bemerkt, dass das Lossagen vom Christentum negative Folgen für die europäische Gesellschaft hat.
- Verdrängen
Andere verdrängen die Zeit des Christentums und versuchen, die Urchristenheit wiederherzustellen. Dabei übersehen sie, dass wir alle Produkte der Geschichte sind – und dass wir uns nicht von den Familienmitgliedern lossagen können, die uns nicht gefallen. Die ganze Geschichte ist unser Erbe, ob es uns gefällt oder nicht.
- Dämonisieren
Besonders die dunklen Seiten des Christentums - Kreuzzüge, Inquisition, Unterdrückung und vieles mehr - können dazu verleiten, die ganze Geschichte "dem Teufel zuzuschreiben". Die Christenheit hat aber auch viel Gutes an Kreativität, Schönheit, intellektuellem und geistlichem Leben hervorgebracht, so dass eine differenzierte Betrachtung nötig ist.
- Lossagen
Dies scheint noch die beste Haltung zu sein. Sie darf – und muss – mit Trauer verbunden sein, verlangt Buße und Demut. Dann müssen wir uns sorgfältig lösen aus der Umklammerung der Strukturen und Paradigmen des Christentums. Murray warnt dabei aber vor zu schnellen, neuen und großen Entwürfen – zu tief sitzen die Denkvoraussetzungen des Christentums in unseren Köpfen und Herzen. Aktion ist nötig an vielen Orten – in den Zentralen der Denominationen, in Lehrinstituten, Ortsgemeinden, Verlagen, Hausgruppen und Unterhaltungen.
Veränderung und Neuansätze
Der Autor bleibt nicht bei oberflächlichen Empfehlungen stehen, sondern geht in die Tiefe. Es wird deutlich, wie viel von unserer Lehre, Mission und Gemeindepraxis aus einer Haltung kommt, die "christlich sein" als das Normale ansieht. Hier einige Bereiche, die angesprochen werden:
- Könnte die Art, wie in der Christenheit missioniert worden ist, die heutige tief sitzende Aversion gegen falsches "Evangelisieren" hervorgerufen haben? Dann müssen wir auf ganz andere – demütige, ehrliche und tastende Art – von unserem Glauben zu reden lernen.
- Wie viele evangelistische Strategien bauen auf ein - unbewusst auferlegtes – Schuldgefühl, dass man nicht "zur Kirche geht"? Evangelisation in der Nach-Christenheits-Ära muss sich davon lösen, Menschen „in die Gemeinde einzuladen". Die Kirche muss mehr zur "Geh-Struktur" werden.
- Mit aller Leidenschaft müssen neue Arten von Kirchen und Gemeinden entwickelt werden, ohne in eine "Gemeinditis" zu verfallen. Dabei geht es nicht nur um neue Formen – das wäre zu oberflächlich. "Gemeinden des Friedens zu werden, Lerngemeinschaften aufzubauen, gegenseitige Verantwortlichkeit und radikale Gastfreundschaft einzuüben, ist eine anspruchsvollere Aufgabe als sich in Kneipen zu treffen, Labyrinthe zu bauen oder Powerpoint und Flash zu beherrschen", schreibt Murray.
- Der Mythos muss entlarvt werden, dass "Geistliche" die geistliche Front-Linie bilden und "Laien" dazu da sind, diese zu unterstützen. Das Gegenteil ist wahr. Das hat Konsequenzen für die Gemeindepraxis. Das Wort "Laien" ist überhaupt eins der übelsten Erbstücke des Christentums und muss gründlich ausgerottet werden.
- Die Taufe eines Gläubigen ist eine Ordination. Alle Mitglieder sollen gesegnet und ausgesandt werden zu ihrem Dienst in neuen Jobs, in Elternschaft, im Pensionsalter oder andere Berufungen. Gemeinden müssen lernen, die Anforderungen des Berufslebens ihrer Mitglieder als anspruchsvollen Dienst zu schätzen und zu unterstützen.
- Der Primat der (im Durchschnitt höchst mittelmässigen) Monolog-Predigten als Standard-Kommunikationsmittel der Christenheit muss gebrochen werden. Viele verlassen die Kirchen, weil sie nicht mehr mit dem Löffel gefüttert und patronisiert werden wollen. Es gibt unzählige Alternativen und Ergänzungen zu diesem Stilmittel, die aktiv in Gemeinden erprobt und eingeübt werden müssen. Was in der Christenheit nicht erwünscht war, ist jetzt ausdrücklich nötig: gemeinsames, andauerndes und interaktives Lernen. Das Wort "Liturgie" bedeutet eigentlich "die Arbeit der Leute", und der "Sermon" ist im Lateinischen eigentlich eine Unterhaltung.
- Der Zehnte als – dem AT entlehntes – Christentums-Mittel muss radikalisiert werden. Gemeinden müssen überhaupt über das "Geben" hinauswachsen und wieder unter den Armen und Machtlosen gepflanzt werden.
- Die Suche nach Einfachheit wächst. Das Christentum machte Christsein konventionell, vorhersagbar, uninspiriert und langweilig (man höre nur am Sonntag Morgen einmal im Radio einen "Gottesdienst"). "Gemeinde ist eigentlich recht einfach", meint Murray. „Sie besteht im wesentlichen aus Freundschaft als beziehungsmäßigem Paradigma, aus gemeinsamem Essen und Lachen."
Erweckung oder Überleben?
Gerade in unserem Land wird "Erweckung" regelmäßig angesagt. In der Regel erwartet man - neben vielen Bekehrungen - eine Wiederherstellung flächendeckender christlicher Kultur und ganze gesellschaftliche Bereiche, die "wieder" vom Evangelium geprägt werden. Angesichts der Tatsache, dass die christlich geprägte Kultur in Westeuropa an ihr Ende kommt, ist immer mehr denkenden Christen bei dieser Perspektive nicht wohl. Zu sehr kann diese blind machen für Tatsachen und unrealistische Erwartungen erzeugen. Werden diese nicht erfüllt, können sie irgendwann ins Gegenteil - in Passivität und Resignation – umschlagen. Murray schlägt einen alternativen Weg vor:
- Hört auf, um Erweckung zu beten, was missionarisches Engagement lähmt und unrealistische Erwartungen fördert.
- Akzeptiert euren Status als Gemeinschaften am Rande der Gesellschaft.
- Löst euch von allen Erwartungen und Vorstellungen des Christentums.
- Meidet kurzfristige Perspektiven, strebt nachhaltige Transformation an.
- Konzentriert euch auf moderate, durchführbare und provisorische Initiativen. Entwickelt Taktiken, nicht große Strategien. Vorsicht mit grossen Zielen!
- Schmiedet Partnerschaften zwischen traditionellen und neu entstehenden Gemeinden und Missionsgesellschaften.
- Betet und arbeitet aufs Überleben hin.
Für einige mag das sehr negativ bzw. entmutigend klingen. Immer mehr Menschen, Leiter und Mitarbeiter werden aber tief aufatmen, wenn sie aus dem Zauber unrealistischer Erwartungen und ständig neuer Versprechungen hin zu einem realistischen Engagement befreit werden. Auf dieser Reise wird Gott ganz sicher viele Überraschungen bereit halten, von denen wir jetzt noch keine Ahnung haben.
Das Schöne ist: die Kirche nach dem Christentum hat Quellen und Ressourcen, aus denen sie schöpfen kann. Vieles wird ehrlicher und echter werden. Der Umzug von der Mitte der Gesellschaft an die Ränder, von privilegierter Religion zu einer Stimme unter vielen und von aufgezwungenem Glauben zu radikaler Freiwilligkeit wird dem Christentum gut tun. Immerhin hat es ja auch so angefangen. Murray sagt dazu: "Es ist, als ob wir gedrängt würden, die scheinbare Sicherheit eines immer noch beeindruckenden, aber angeschlagenen Ozeanriesen zu verlassen und uns einem kleinen Rettungsboot anzuvertrauen, das in der Dunkelheit auf den Wellen hin und her tanzt. Aus dem Christentum auszusteigen, verlangt Mut. Einige mögen lieber die Stühle auf Deck noch einmal umstellen. Die Hoffung der Zukunft liegt aber in der Verletzlichkeit des Rettungsbootes, wo es uns auch hintragen mag."
Quelle: "Post-christendom: Church and Mission in a Strange New World" by Stuart Murray, Authentic Media, 2004.
März 20, 2007 in Gemeinde-Innovation, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (2)
forum gemeinde innovation: Es geht weiter!
Nach dem Kick-off-Kongress des "forum gemeinde innovation" (fgi), der im Mai 2006 in Romanshorn stattfand, geht es jetzt weiter: Nicht nur lose verbundene Events, sondern ein gemeinsamer Lern-Prozess, der vernetzt, inspiriert, Impulse gibt, Veränderung bewirkt und "prophetischen Stimmen" Raum gibt, soll in den nächsten 4 bis 5 Jahren initiiert werden.
fgi ist ein Netzwerk und Think Tank für Gemeindeinnovation, der die kirchliche Landschaft im deutschsprachingen Europa nachhaltig beeinflussen will. Allerdings nicht als "große Organisation", sondern mittels kleiner, aber effektiver Impulse. Methodisch wird fgi neben Kongressen auf virtuelle und reale Kleingruppenprozesse setzen: Peer Coaching Triaden, professionelles Coaching, "meaningful conversation" mit anderen Innovatoren, Autorenwerkstatt etc. Regionale und "echte" Treffen wird es ebenso wie virtuelle Meetings geben. Details und Termine wird es in Kürze auf diese Webseite und unter www.gemeindeinnovation.net geben. Zum Kernteam des fgi-Netzwerks gehören momentan (aber das ändert sich immer wieder ...) Christoph Schalk (NCD International und CoachNet), Oliver Schippers (NGE Deutschland), Detlef Kauper (Checkpoint Jesus), Stefan Kunkel (C+P Verlag), Stefan Lingott (EPIC Church), Peter Aschoff (Alphakurse), Reinhold Scharnowski (DAWN European Network), Andreas Wolf (DAWN European Network).
Februar 20, 2007 in Gemeinde-Innovation, News | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)
