Gedruckt: Das neue Buch von Christian A: Schwarz "Die 3 Farben deiner Spiritualität"


September 2, 2009 in Books, Natürliche Gemeindeentwicklung , News | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)

Missionale Gemeinde – Wesenszüge und Bedeutung (Teil 2)

Alan Roxburgh

Gemeinde

Das Verständnis von Gemeinde hat sich radikal verändert. Nur: Viele Gemeinden haben noch nicht erkannt, dass das auch heißt: Gemeinde muss sich in der Praxis verändern und anders mit den Herausforderungen umgehen, die die Gesellschaft an sie stellt. Alan Roxburgh regt zu einem neuen Denken und Handeln an.

Fortsetzung von Teil 1

Missionale Gemeinde ist Gemeinde als Kontrast zur Gesellschaft

Wenn wir über missionale Gemeinde sprechen, geht es darum, wie die Gemeinde in der westlichen Welt als Ausführende des Auftrags Gottes aussehen könnte. Die Diskussion konzentriert sich dabei auf zwei Bereiche: zum einen auf die Gesellschaft, in der wir uns befinden, zum anderen auf die Absichten Gottes in dieser Welt, wie sie sich uns durch Jesus Christus und sein Evangelium zeigen. Wir haben erkannt, dass sich unsere Gesellschaft durch massive Veränderungsprozesse bewegt, die die Kirche rasch von dem zentralen Platz, den sie früher innehatte, verdrängen. Das wirft grundsätzliche Fragen auf hinsichtlich der Beziehung zwischen christlichem Lebensstil und der pluralistischen Gesellschaft, in der wir leben. Was die Gesellschaft angeht, ist die Botschaft Jesu das Hereinbrechen von Gottes Herrschaft in diese Welt. Deshalb ist die Gemeinde die von Gott herausgerufene Gemeinschaft Gottes in einem konkreten kulturellen Umfeld.

Die Gemeinde ist eine ekklesia, das heißt eine Versammlung, die herausgerufen wurde, ein öffentliches Zeichen, ein Zeugnis und ein Vorgeschmack auf das zu sein, wozu Gott die ganze Schöpfung in Jesus Christus einlädt. Die Gemeinde, in ihrem gemeinschaftlichen Leben und ihrem Zeugnis für die Welt, proklamiert das Schicksal und die Zukunft der ganzen Schöpfung. Ortsgemeinden verkörpern das, wozu Gott die ganze Schöpfung durch die Kraft des Heiligen Geistes beruft. Der Gott, dem wir in Jesus Christus begegnen, beruft die Gemeinde dazu, eine Gemeinschaft von Menschen zu sein, die nicht mehr für sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse leben, sondern als Kontrastgesellschaft Gottes Zukunft für die ganze Schöpfung sichtbar werden lassen.

Als Kontrastgesellschaft formt sich die Gemeinde um Überzeugungen und Praktiken herum, die kontinuierlich einen Lebensstil prägen, der sich nicht vom gesellschaftlichen Umfeld ableiten lässt. Die Gesellschaft, in der wir leben - und in der wir als Kontrastgesellschaft leben sollen - bezeichnet man als spät-modern oder postmodern. In diesem Kontext lebt jeder nach seinen Rechten. In diesem Kontext herrscht schlicht die Annahme, dass Leben in einer toleranten und offenen Gesellschaft heißt, Räume zu schaffen, in denen persönliche Rechte, Gefühle oder Bedürfnisse nicht angetastet oder verletzt werden. Dies ist Teil des Wahnsinns der bedürfnisorientierten, sucherorientierten Mentalität der Kirche. Solche Ansätze sind tatsächlich davon überzeugt, dass sie der christlichen Tradition treu sind. In Wirklichkeit untergraben sie jedoch die Elemente, die wesentlich für eine Treue im missionalen Sinn sind. Wir möchten das Bedürfnis des Einzelnen nach Autonomie so sehr bestärken, dass wir den Zugang zu den Ressourcen verloren haben, die uns die Bibel und eine großartige christliche Tradition zur Verfügung stellt, um ein Volk zu formen und zu gestalten, das einen Kontrast zur Gesellschaft bilden kann.

Missionale Wesenszüge in einer Gesamtschau

Lesslie Newbegin sprach von einer dreiseitigen Kommunikation zwischen dem Evangelium, der Gemeinde und der Gesellschaft, in der sich die Gemeinde befindet. Die missionarische Begegnung erfordert eine Interaktion zwischen dem Volk Gottes, dem Evangelium, wie es uns in der Bibel offenbart wird und der uns umgebenden Gesellschaft. An jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt ist diese dreiseitige Kommunikation nötig, wenn das Evangelium in der Welt sichtbar werden soll.

Gospelchurchculture_diagram

Dieses Dreieck hilft uns zu verstehen, wie die Wesenszüge missionaler Gemeinde zueinander stehen. Mit anderen Worten geht es bei missionaler Gemeinde nicht darum, Gemeinde auf eine bessere Art zu „machen“, damit mehr egoistische Individualisten ihre privaten Bedürfnisse erfüllt bekommen. Bei missionaler Gemeinde geht es nicht nur um die Gemeindeecke des Dreiecks. Zu einer missionarischen Begegnung gehört mehr als die Gemeinde. Kommunikation kann nur stattfinden, wenn es eine echte Begegnung zwischen allen drei Ecken gibt. Wir können nicht länger davon ausgehen, dass wir ein allgemeingültiges Verständnis über unsere Kultur oder das Wesens des Evangeliums haben.

Das Basisdiagramm oben lässt sich leicht abändern, um die Tendenz in den postchristlichen Gemeinden des Westens abzubilden: Sie bilden sich weiter hin ein, dass die Kirche die Frage ist, die gestellt und das Problem ist, das gelöst werden muss - und zwar so, dass sowohl Evangelium als auch Gesellschaft zu untergeordneten Punkten dieser Beschäftigung mit der Gemeinde werden. Ein ekklesiozentrischer Grundzustand und eine Einseitigkeit, die das Vermächtnis des Christentums prägt.

Missiocontrastmissionary_diagram2

Mit anderen Worten geht es bei der Missio Dei einfach darum, was Gott in der Schöpfung, durch sie und quer durch sie hindurch tut. Die Berufung der Gemeinde ist es, sich die breiter angelegte Frage zu stellen, was Gott in der Schöpfung tut, und zugleich Zeichen, Zeugnis und Vorgeschmack für dieses Handeln Gottes zu sein. Dieses Handeln Gottes in Christus findet mit Sicherheit in und durch die Gemeinde statt. Die Gemeinde steht noch vor der ganzen Schöpfung im Zentrum der Absichten Gottes in dem Sinne, wie das Wirken Christi in der Schöpfung konkret gemacht und erfahrbar wird. Es geht hier nicht darum, die unglaubliche Würde, die Berufung und die ontologische Priorität der Gemeinde zu mindern. Es geht vielmehr darum, wie dieses Verständnis die missionalen Verschiebungen in Nordamerika geprägt hat und weiterhin prägen wird. Hier ist die Gemeinde das Ziel und das Ende wie auch der Inhalt und der Zweck. Genau diese Beschäftigung mit sich selbst hält die Christen Nordamerikas davon ab, sich auf die Art der missionarischen Dynamik einzulassen, die Newbegin uns so wortgewandt vorgestellt hat.

Auszüge des Originalartikels "What is Missional Church?" von Alan Roxburgh -- mit Erlaubnis übersetzt und verwendet. Copyright: Allelon Publishing, www.allelon.org.

"What is Missional Church?" (Ungekürzter Artikel auf Englisch)

"Understanding Missional Church"  (Workshop auf Englisch, PDF 2710 KB)

"Understanding Missional Church"  (Teilnehmerunterlagen auf Englisch, PDF 2629 KB) 

Alan Roxburgh ist Vizepräsident von Allelon Kanada (www.allelon.org). Er verfügt über 27-jährige Erfahrung als Gemeindeleiter und Pastor von Gemeinden in Kleinstädten, Großstädten und Vorortgemeinden, sowie in Leitungsfunktionen innerhalb einer Denomination.

März 20, 2009 in Books, Gemeinde-Innovation, Leitung, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)

Missionale Gemeinde – Wesenszüge und Bedeutung (Teil 1)

Alan Roxburgh

Gemeinde

Das Verständnis von Gemeinde hat sich radikal verändert. Nur: Viele Gemeinden haben noch nicht erkannt, dass das auch heißt: Gemeinde muss sich in der Praxis verändern und anders mit den Herausforderungen umgehen, die die Gesellschaft an sie stellt. Alan Roxburgh regt zu einem neuen Denken und Handeln an.

Gäbe es eine einfache Übersetzung für den Begriff "missionale Gemeinde", gäbe es weniger Verwirrung. Wenn Sie "missionale Gemeinde" bei Google suchen, finden sie alle möglichen Aussagen – nett und klar wie ein schön verpacktes Päckchen. Meistens aber schaffen es diese Aussagen nicht, unsere Fantasie anzuregen. SIe helfen uns auch nicht, aus vorgefertigten Meinungen und Denkmustern hinsichtlich Gemeinde auszubrechen.

Ohne zu versuchen, selbst eine Definition zu geben, möchte ich einige Themen anreißen, die Ihre Fantasie anregen und Ihnen eine neue Vorstellung von missionaler Gemeinde geben wollen.

Die westliche Gesellschaft als Missionsfeld

Missionale Gemeinde erkennt, dass die westliche Gesellschaft selbst ein Missionsfeld ist. Diese Tatsache ruft nach mehr als neuen Evangelisationstaktiken. Moderne Evangelisation entwickelte sich in einer Zeit, in der die meisten Menschen davon ausgingen, dass das Christentum ein normaler, regulativer Bestandteil der westlichen Kultur ist, in der sie leben. Die meisten Menschen kannten die Grundlagen des Evangeliums in der einen oder andern Form. Evangelisation erfüllte die Rolle, das Evangelium zu verteidigen und auf eine Entscheidung zu drängen. Das funktionierte in einer Welt, in der die Gesellschaft in weiten Teilen grundsätzlich mit dem Inhalt des Evangeliums vertraut war. Aber das ist heute nicht mehr der Fall.

Im Jahr 2002 veröffentlichte eine große britische Boulevardzeitung auf der Titelseite ein Interview mit einem britischen katholischen Bischof. Die Schlagzeile lautete: "Das Christentum ist in Großbritannien fast am Ende!"  Dasselbe könnte man über ganz Westeuropa sagen. Auch in Kanada hat der Großteil der nachwachsenden Generationen keine Vorstellung mehr von der christlichen Überlieferung. Noch vor 25 Jahren sah dies anders aus. Die Veränderung war dramatisch und kam sehr schnell. Die zersetzenden Kräfte waren jahrzehntelang unter der Oberfläche der Gesellschaft am Werk und erreichten genau dann den Wendepunkt, als durch die Gesellschaft ein großes Erdbeben ging. Amerika steht dieser Wandel bald bevor. Er hat bereits einige Regionen des Landes erreicht. Hinter der Fassade von Vorstadt-Megagemeinden gibt es immer mehr Amerikaner, die mit der Kirche, wie sie sich darstellt, nichts mehr zu tun haben wollen.

Die missionale Sprache betont die Tatsache, dass wir im Westen mit einer radikal neuen Herausforderung konfrontiert  sind. Wir befinden uns nicht in einer Situation, in der kleine Anpassungen oder Kurskorrektionen bei unserem bisherigen Vorgehen ausreichen. Wir müssen die Rahmenbedingungen  und Paradigmen überdenken, die die "Komm-und sieh-Gemeinde" das letzte halbe Jahrhundert über geprägt haben. Die Stellung von Denominationen und Ortsgemeinden muss zu der von Missionaren in der eigenen Kultur werden. Dazu braucht es mehr als ein paar leichte Anpassungen; das erfordert eine völlig neue Art von Gemeinde.

Bei Mission geht es um die "Missio Dei"

Lateinische Begriffe sind vielleicht nicht die adäquate Kommunikationsform im 21. Jahrhundert, aber das Erfassen des Wesens Gottes in Bezug auf Mission ist tatsächlich zentral für die missionale Konversation. Noch einmal: Wenn der Westen, einschließlich Nordamerika, ein Missionsgebiet ist, in dem die grundlegenden Inhalte des Evangeliums entweder verloren oder durch andere Werte und Geschichten verwässert sind, dann ist der Kern unserer Mission der Gott, der uns in Jesus Christus begegnet ist – der Gott, den wir in der Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist bekennen.

Das mag Ihnen so offensichtlich erscheinen, dass man es nicht extra erwähnen müsste, aber das ist nicht der Fall. In der westlichen Gesellschaft haben Gemeinden ihr Augenmerk weg von Gott gerichtet, darauf hin, wie Gott uns dient und unseren Nöten begegnet. Jesus Christus ist eine von vielen Möglichkeiten auf dem Markt der spirituellen Angebote, und dazu da, die privaten Bedürfnisse von Individuen zu befriedigen. Die Folge ist ein im Wert gemindertes, angepasstes, sterilisiertes Christentum, das dem Evangelium nicht gerecht wird.

Die biblischen Erzählungen drehen sich um Gottes Mission in, durch und zum Wohl der Welt. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf Gott, und nicht von Gott weg. Die "Missio Die" fußt auf einem auf Gott ausgerichteten und nicht auf einem auf die Erfüllung persönlicher Bedürfnisse ausgerichteten Verständnis von Jesu Leben, Tod und Auferstehung. Die Ausrichtung der Gemeinde ist sowohl missiologisch als auch doxologisch. Craig Van Gelder stellt zwei Fragen, um uns zu helfen, dies nachzuvollziehen: Die erste Frage lautet: Was tut Gott in dieser Welt? Dazu muss man genau hinschauen, um zu sehen, was Gott in unserem Wohnviertel, in den Schulen, am Arbeitsplatz etc. tut. Die zweite Frage lautet: Was möchte Gott in unserer Welt tun? Um diese Frage zu beantworten, braucht eine Gemeinde Weisheit und eine von Gott geführte Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was die Kraft des Evangeliums bewirken könnte, wenn Menschen bereit wären zuzuhören.

Immer wenn ich anderen Menschen diesen Aspekt der missionalen Gemeinde zumute, reagieren sowohl Klerus als auch Laien konsterniert und irritiert. Oft höre ich als Reaktion: "Wenn es im Evangelium nicht um die individuellen, persönlichen Nöte des einzelnen Menschen geht, um was geht es denn dann im Evangelium?“ Diese Frage offenbart das ganze Ausmaß, in dem wir unseren Bezugsrahmen ändern müssen, um das Evangelium wieder hören und praktizieren zu können. Der Begriff "missional" wurde gewählt, um die aktuelle Denkweise zu hinterfragen und herauszufordern. Er fordert

  • eine Verschiebung in der Verortung des Evangeliums hin zu Gott und seinen Taten,
  • ein Anerkennen der weitreichenden Kompromisse, die den christlichen Lebensstil heute ausmachen,
  • sowie eine Bereitschaft, diese herausfordernde Situation anzugehen.

Fortsetzung folgt ...

Alan Roxburgh ist Vizepräsident von Allelon Kanada (www.allelon.org). Er verfügt über 27-jährige Erfahrung als Gemeindeleiter und Pastor von Gemeinden in Kleinstädten, Großstädten und Vorortgemeinden, sowie in Leitungsfunktionen innerhalb einer Denomination.

Auszüge des Originalartikels "What is Missional Church?" von Alan Roxburgh -- mit Erlaubnis übersetzt und verwendet. Copyright: Allelon Publishing, www.allelon.org.

März 10, 2009 in Books, Gemeinde-Innovation, Leitung, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken | Kommentare (0)