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Eine andere Art von Gespräch

Tom Clegg

Conversation

Was kommt gewöhnlichen Christen in den Sinn, wenn sie das Wort "Evangelisation" hören? Bei meinen gelegentlichen Umfragen fallen Begriffe wie ...

An-Türen-Klingeln, Traktate, Veranstaltungshallen, Rezepte, Fernsehen, Druck, aufdringlich, lästig und Furcht.

Was wäre jedoch, wenn es sich bei Evangelisation nur um eine andere Art von Gespräch handeln würde? Kein Verkaufsgespräch unter hohem Druck, sondern eine natürliche Unterhaltung, in der Christen hauptsächlich Fragen stellen, zuhören und zurückspiegeln, was sie hören? Hört sich das nicht ganz anders an? Könnte das nicht beiden – Christen und Nicht-Christen gleichermaßen – sogar Spaß machen?

Sie sind Pastor oder Pfarrer? Was wäre, wenn etwa 10% Ihrer Gemeindemitglieder in der Lage wäre, diese Art von Gespräch mit anderen aus ihrem Umfeld zu führen? Was für einen Unterschied würde das Ihrer Meinung nach machen?
 
Eine andere Art von Gespräch

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in einer Ecke meiner Lieblingskneipe. Ich mag das Ambiente, den Service und die Ruhe, die ich hier oft finde. Manchmal kann ich hier studieren und schreiben, meistens komme ich aber wegen der Gespräche. Lebendige, geistreiche, meistens philosophische, gelegentlich aber auch persönliche Gespräche. Vor einiger Zeit stellte ein Freund mir einen coolen Typen namens Luis vor. Wir kamen ein paar Mal ins Gespräch miteinander. Eines Tages unterhielten wir uns in typischer Männermanier, als wir ein Ballspiel auf dem TV-Plasmabildschirm über unserem Tisch verfolgten. Wir unterhielten uns über alles Mögliche – Sport, Arbeit, Politik und das Leben allgemein. Dann begann er, mir – Stück für Stück – seine Geschichte zu erzählen. Nach einer Weile fragte ich:

„Sag‘ mal, Luis, wie gehst du mit der Sehnsucht nach Sinn in deinem Leben um?  

„Was meinst du?“, fragte er zurück.

„Du hast mir von den vielen schmerzhaften, ja traumatischen Dingen erzählt, die dir passiert sind, und von deiner Entscheidung, nicht länger an einen Gott zu glauben. Ich höre deinen Schmerz. Ich frage mich: Wie findest du Sinn in deinem Leben? Woran orientierst du dich? Woran klammerst du dich, um deinem Leben einen Sinn zu geben?“

Als wir uns über unterschiedliche Versuche der Sinnfindung im Leben unterhielten, meinte er plötzlich, dass er sein Leben nun noch sinnloser empfinde als vorher. Unser Gespräch begann, ihn niederzudrücken und zu belasten. Also standen wir auf und spielten eine Runde Billard. Nachdem er mich am Billardtisch total gedemütigt hatte, fragte er: „Wie kommt es, dass du diese Dinge über mich weißt?“

Ein Coaching-Ansatz

Das war der Beginn eines Gespräches, nicht eines Verkaufsgespräches, das dazu führte, dass Luis den Gott kennenlernte, der ihm das Leben geschenkt hatte. Wenn wir einfühlsam auf die Bedürfnisse anderer Menschen eingehen, können wir tatsächlich zu lebenspendenden Zeugen werden. Indem wir mit dem Heiligen Geist zusammenarbeiten, der Menschen wie Luis zu Gott zieht, können wir von Gott gebraucht werden – einfach dadurch, dass wir Verständnis zeigen. 

Bei diesem Ansatz sind Jesus-Nachfolger nicht diejenigen, die auf alles eine Antwort haben, sondern solche, die neugierig sind, die mit ihren Fragen das Gespräch in die Tiefe führen, die zuhören und sich auf die Antworten ihrer Gesprächspartner einlassen. Anstatt das Gespräch nach unseren Vorstellungen zu lenken, versuchen wir zu hören und wahrzunehmen, wie der Heilige Geist bereits im Leben des Gesprächspartners am Wirken ist. Die Gespräche, die sich daraus ergeben, sind natürlich und angenehm, nicht erzwungen und künstlich.   

Das mag alles leicht klingen, ist es aber nicht. Die meisten von uns lassen die Fähigkeit vermissen, gute Fragen zu stellen und gut zuzuhören. Anders ausgedrückt: Uns fehlen Coaching-Fähigkeiten – diese können jedoch erlernt werden.

Was ist Coaching? Gemeint ist der Prozess, der eine Person an die Seite einer anderen führt, um dieser zu helfen, auf den Heiligen Geist zu hören. Der Geist lenkt den Prozess – nicht wir. Und das fällt den meisten von uns schwer. Coaching baut auf Qualitäten wie Geduld und Neugier, Offenheit und Vertrauen. Wir hören zu, stellen Fragen und spiegeln zurück, was wir hören.

Im Gegensatz zur Beratung  – wobei Informationen weitergegeben oder Agenden verfolgt werden – holt Coaching das heraus, was in Menschen steckt und führt sie in einen Entdeckungsprozess. Coaching ist deshalb ein hilfreiches Mittel in der Hand von Jesus-Nachfolgern, die sinnvolle und hilfreiche Gespräche mit (Noch-)Nicht-Christen suchen. Solches Coaching sieht in dem Gesprächspartner – was die Heilsfrage anbelangt – nicht den In- oder Outsider. Vielmehr konzentriert es sich darauf, wo sich die einzelne Person gerade auf ihrer geistlichen Reise befindet und versucht, diese darin zu fördern und zu unterstützen.

Lassen wir uns so auf Menschen ein, befreit uns das von dem Druck, Experten sein zu müssen. Und die anderen werden erlöst von einem Druck ausübenden Experten! Wir „lesen“ den Kontext, in dem sich eine Person befindet, lassen sie aber das Gespräch führen. Nicht jede Person befindet sich an der gleichen Stelle auf ihrer geistlichen Reise – und nicht jede Person erfährt Gott auf dieselbe Art und Weise. Nehmen wir eine Coaching-Haltung ein, bestehen wir nicht darauf, dass andere sich auf die gleiche Weise Gott nähern wie wir es getan haben. Ihre Reise kann ganz anders aussehen als unsere. Wir müssen andere dort treffen, wo sie tatsächlich stehen. Das gilt im übertragenen wie auch im wörtlichen Sinn.

Partys auf Jesus-Art

Jesus begegnete den Menschen dort, wo sie waren. Er erwartete von ihnen nicht, dass sie sich mit ihm im Tempel trafen. Er verkehrte mit Sündern, Zöllnern und Prostituierten auf deren Terrain. Und er suchte das Gespräch mit ihnen an Punkten, wo sie sich wohl fühlten. Das schien ihm sogar Spaß zu machen.

„Als er weiterging, sah er einen Zolleinnehmer in seinem Zollhaus sitzen. Es war Levi, der Sohn von Alphäus. Jesus sagte zu ihm: ‚Geh mit mir!‘ Und Levi stand auf und folgte ihm. Später war Jesus bei Levi zu Gast. Viele Zolleinnehmer und andere, die einen ebenso schlechten Ruf hatten, nahmen mit Jesus und seinen Jüngern an der Mahlzeit teil. Sie alle hatten sich Jesus angeschlossen. Ein paar Gesetzeslehrer von der Partei der Pharisäer sahen, wie Jesus mit diesen Leuten zusammen aß. Sie fragten seine Jünger: ‚Wie kann er sich mit Zolleinnehmern und ähnlichem Gesindel an einen Tisch setzen?‘“ (Markusevangelium 2,14-16 GN).

Levi veranstaltete eine Dinner-Party und lud dazu seine Zöllner-Freunde und einige andere Sünder ein, um ihnen Jesus vorzustellen. Stellen Sie sich dieses Treffen einmal vor: Levi, Jesus, Zolleinnehmer, die Jünger Jesu und Sünder. Jesus machte aus dieser Art von Treffen eine Gewohnheit. Wie es scheint, unterhielt er sich unterwegs regelmäßig mit Menschen. Erinnern Sie sich an seine Begegnungen mit dem reichen jungen Mann Nikodemus und der Frau am Brunnen? Er hielt immer Ausschau nach Momenten, in denen der Heilige Geist am Wirken war.

Wenn wir in die Welt anderer Menschen eintauchen – statt zu erwarten, dass diese sich in unsere Welt vorwagen – dann können wir erleben, wie ganze Netzwerke von Menschen, die transformative Kraft des Evangeliums erleben. Oft gibt es eine Person, die dem Evangelium gegenüber aufgeschlossen ist – ein Levi –, der mit einem größeren Netzwerk von Menschen verbunden ist. Dabei handelt es sich nicht so sehr um einen individuellen Prozess. Es geht vielmehr um Beziehungen und Verbindungen, deren Wirkkraft dadurch zunimmt, dass Menschen die Freiheit haben, das Evangelium in ihrem eigenen Umfeld, innerhalb ihrer eigenen natürlichen Gemeinschaft, kennenzulernen.

Wenn wir den jeweiligen Kontext kennen, weil wir Teil dessen sind, wissen wir auch, welche Art von Fragen angemessen sind. Wir verstehen, wo die Menschen sich auf ihrer Reise befinden und was ihnen wichtig ist. Wir befragen Menschen über sich selbst, ihre Hobbys, Erfahrungen, Träume, Hoffnungen und Ängste, ihre Enttäuschungen und Erfolge. Wir stellen interessante und Interesse weckende Fragen wie zum Beispiel …

Inwiefern war diese Erfahrung für Sie wertvoll?

Was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt?

Wenn Sie diese Erfahrung noch einmal machten, was würden Sie dann anders machen? Und was würden Sie genauso wieder tun?

Warum sind Erfahrungen so viel wertvoller als Besitz? Was denken Sie?

Das hat Sie offensichtlich tief berührt. Warum hatte es eine solch starke Wirkung auf Sie?

Wie hat sich ihr Leben seither verändert?

Was mögen Sie an sich selbst?

Wann waren Sie am glücklichsten in Ihrem Leben?

Wenn wir drei Ihrer engsten Freunde nach den lustigsten Geschichten über Sie fragten, was würden diese erzählen?

Was wollten Sie später mal werden, als Sie jung waren?

Was möchten Sie immer noch sein oder werden?

Gefällt Ihnen, was aus Ihnen geworden ist?

Glauben Sie, dass Menschen sich ehrlich ändern können? Warum?

Was macht eine Person zu einem guten Menschen?

Was macht eine Person vertrauenswürdig?

Vertrauen Sie Menschen normalerweise oder misstrauen Sie ihnen? Warum ist das so?

Was gibt Menschen Hoffnung? Was passiert mit Menschen, wenn sie die Hoffnung verlieren?

Schauen Sie im Allgemeinen nach vorne oder fürchten Sie sich vor dem Morgen? Warum?

Was glauben Sie, wo die meisten Menschen Sinn für ihr Leben finden?

Wie möchten Sie bei anderen in Erinnerung bleiben?

Welche Person, die Sie kennen, hat aus dieser Welt eine bessere gemacht? Warum gerade diese Person?

Wie tragen Sie dazu bei, dass diese Welt eine bessere wird?

Fragen wie diese stellen Sie natürlich nicht alle auf einmal. Sie stellen sie auch nicht Menschen, zu denen Sie keine Beziehung haben. Kennen wir allerdings Menschen etwas näher, schätzen diese oft unser persönliches Interesse  und unsere engagierten Fragen. Die meisten Menschen wünschen sich tiefere Gespräche – sie wissen nur nicht, wie sie zu diesen kommen.

Wir können in der Tat einen anderen Zugang zur Evangelisation finden, wenn wir auf den Geist Gottes hören, gute Fragen stellen und gut zuhören. Einen Zugang, der nicht aggressiv ist, gleichzeitig aber kulturell relevant und – noch wichtiger – willkommen ist. Stellen Sie sich einmal vor, welchen Unterschied das in Ihrer Gemeinde machen würde, in Ihren Gesprächen und an Ihrem Wohnort.

Dr. Tom Clegg ist der Leiter von CoachNet North America. Er initiiert leidenschaftlich gerne innovative Strategien zur raschen Entwicklung von missionalen Bewegungen. Er lebt in Iowa (USA) mit seiner Frau Jodi und ihren gemeinsamen Töchtern.

Dezember 11, 2009 in Coaching, Gemeindegründung | Permalink | Artikel verschicken

Kommentare

Hi zusammen

Sehr guter Beitrag! Danke!

Gruss easyfisch

Kommentiert von: easyfisch | 30.04.2010 07:55:43

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