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Gordon MacDonald: Ich will meine Gemeinde zurück
Kennen Sie das? Sie leben seit Jahren, vielleicht sogar seit Jahrzehnten mit ihrer Gemeinde, haben Vieles mit aufgebaut, immer treu mitgearbeitet, und plötzlich verändert sich die Gemeinde - so sehr, dass Sie das Gefühl bekommen, nicht mehr dazuzugehören. Mit diesem Gefühl sind Sie nicht alleine ...
Gordon MacDonald, Bestselleraustor, bekannt vor allem durch sein Buch „Ordne dein Leben“, nimmt den Leser mit in eine fiktive Gemeinde und lässt miterleben, wie sich Menschen in solchen Veränderungsprozessen fühlen können.
Ausgangssituation ist ein großer Konflikt – es soll viel Geld in Licht- und Tontechnik investiert werden, um den Gottesdienst moderner und professioneller gestalten zu können. Der Antrag wird in der Gemeindeversammlung abgelehnt, und aus einer spontanen Entscheidung heraus lädt der Pastor einige der Gegner dieses Antrags ein, sich mit ihm zu treffen und über ihre Empfindungen zu sprechen. Daraus entsteht eine feste Gruppe, die sich regelmäßig trifft und sich auf eine spannende Entdeckungsreise begibt.
Im Verlauf dieser Reise begegnet der Leser typischen Gemeindemenschen, den zurückhaltenden, denen, die immer alles besser wissen, denen, die grundsätzlich dagegen sind, denen, die die Gemeinde verlassen – sowohl auf die gute als auch auf die schlechte Art. Er erlebt ihre inneren Prozesse mit und gewinnt auch Einblick in das, was in einem Pastor in so einer Situation - konfrontiert mit Angriffen, Zweifeln und Unsicherheit - vorgeht.
Inhaltlich beschäftigen sich die Gruppentreffen mit Gemeinde und wie Gott sie sieht, mit Musikgeschichte und den Veränderungen, denen geistliches Liedgut im Lauf der Jahrhunderte unterworfen war, mit natürlichen Prozessen, denen Organisationen (und Kirchengemeinden) unterliegen, mit dem Wesen von Veränderung und dem Verhalten von Menschen im Rahmen von Veränderungen.
Bemerkenswert sind aber weniger diese Inhalte (die der Leser eher nebenbei mitnimmt) als vielmehr das, was diese Inhalte teilweise bei den Mitgliedern der Gruppe auslösen. Ausgangspunkt ist das Gefühl, ihnen hätte jemand ihre Gemeinde gestohlen – etwas Wertvolles sei unwiederbringlich verloren. Der Leser nimmt teil an ihrem Ärger und ihrer Unzufriedenheit über alles „Neumodische“ im Gemeindeleben (vor allem im Gottesdienst).
Im Lauf der Zeit öffnen sich die Teilnehmer der Gruppe aber für die Möglichkeit, dass auch sie noch einiges zu überdenken und zu lernen hätten. Und sie begeben sich mutig auf die Reise, in deren Verlauf Erstaunliches geschieht. Sie lernen Fakten, beispielsweise, dass - wie die Kirchengeschichte zeigt - auf lange Sicht fast nichts gleich bleiben kann, wenn man mit Menschen in Verbindung kommen und sie mit Jesus Christus bekannt machen will. Sie lernen, dass es nicht um ihre Gemeinde, sondern um Gottes Gemeinde geht. Vor allem durch die persönliche Begegnung mit dem Jugend-Lobpreisteam der Gemeinde lernen sie, wie sehr sich die Gesellschaft verändert hat und welche Auswirkungen das auf das Gottesdienstverständnis haben muss. Sie lernen den Begriff „Postmoderne“ kennen. Sie staunen darüber, dass man am sinnvollsten dann über Veränderungen in einer Struktur nachdenkt, wenn alles reibungslos läuft. Denn nur dann ist man auf die Zukunft vorbereitet.
Gemeinsam lernen sie aber noch etwas viel Wichtigeres:
„Die Gruppe entwickelte ein Eigenleben. Man konnte sehen, wie Fürsorglichkeit, Neugier, gegenseitiger Respekt unter ihnen wuchsen, wie Menschen in eine Leitungsrolle hineinwuchsen und sich sogar zusammen vergnügen konnten. (…) Und sie fingen an, die Möglichkeit zu sehen, dass es andere Wege geben könnte, Gemeindearbeit zu betreiben, und dass sie sich nur ein wenig öffnen mussten.“
Vor allem lernen sie, wie wichtig es ist, einander zu kennen, einander zuzuhören und einander verstehen zu wollen. Sie lernen wieder neu, miteinander und füreinander Familie zu sein. Auf diese Weise wird ihnen unbemerkt ihre gestohlene Gemeinde zurückgegeben – und was dann im Gemeindeleben passiert, ist durchaus erstaunlich und ermutigend.
Gordon MacDonald will mit diesem Buch den Dialog zwischen Menschen aller Generationen anfachen, die Gemeinde lieben, und vor allem jüngere Generationen von Gemeindeleitern davon überzeugen, dass es lohnend ist, Älteren und deren Gedanken sensibel zu begegnen. Ebenso will er älteren Christen helfen zu verstehen, warum manches in der Gemeindearbeit Veränderungen unterworfen werden muss, um auf neue Situationen reagieren zu können. Auch wenn Gordon MacDonald vor allem Generationenkonflikte im Blick hat, lässt sich dieses Buch ohne weiteres auf alle Konflikte übertragen, die im Zusammenhang mit Veränderungen im Gemeindeleben oder Pastorenwechseln einhergehen. Die beschriebenen Prinzipien helfen jeder Gemeinde dabei, gesund zu bleiben und als gesellschaftsrelevante Gemeinde in die Zukunft zu gehen.
Unbedingt lesen! Auf angenehmere Art lässt sich dieses anspruchsvolle und herausfordernde Thema wohl kaum darstellen.
Juli 31, 2009 in Rezensionen | Permalink | Artikel verschicken