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Missionale Gemeinde – Wesenszüge und Bedeutung (Teil 1)
Alan Roxburgh
Das Verständnis von Gemeinde hat sich radikal verändert. Nur: Viele Gemeinden haben noch nicht erkannt, dass das auch heißt: Gemeinde muss sich in der Praxis verändern und anders mit den Herausforderungen umgehen, die die Gesellschaft an sie stellt. Alan Roxburgh regt zu einem neuen Denken und Handeln an.
Gäbe es eine einfache Übersetzung für den Begriff "missionale Gemeinde", gäbe es weniger Verwirrung. Wenn Sie "missionale Gemeinde" bei Google suchen, finden sie alle möglichen Aussagen – nett und klar wie ein schön verpacktes Päckchen. Meistens aber schaffen es diese Aussagen nicht, unsere Fantasie anzuregen. SIe helfen uns auch nicht, aus vorgefertigten Meinungen und Denkmustern hinsichtlich Gemeinde auszubrechen.
Ohne zu versuchen, selbst eine Definition zu geben, möchte ich einige Themen anreißen, die Ihre Fantasie anregen und Ihnen eine neue Vorstellung von missionaler Gemeinde geben wollen.
Die westliche Gesellschaft als Missionsfeld
Missionale Gemeinde erkennt, dass die westliche Gesellschaft selbst ein Missionsfeld ist. Diese Tatsache ruft nach mehr als neuen Evangelisationstaktiken. Moderne Evangelisation entwickelte sich in einer Zeit, in der die meisten Menschen davon ausgingen, dass das Christentum ein normaler, regulativer Bestandteil der westlichen Kultur ist, in der sie leben. Die meisten Menschen kannten die Grundlagen des Evangeliums in der einen oder andern Form. Evangelisation erfüllte die Rolle, das Evangelium zu verteidigen und auf eine Entscheidung zu drängen. Das funktionierte in einer Welt, in der die Gesellschaft in weiten Teilen grundsätzlich mit dem Inhalt des Evangeliums vertraut war. Aber das ist heute nicht mehr der Fall.
Im Jahr 2002 veröffentlichte eine große britische Boulevardzeitung auf der Titelseite ein Interview mit einem britischen katholischen Bischof. Die Schlagzeile lautete: "Das Christentum ist in Großbritannien fast am Ende!" Dasselbe könnte man über ganz Westeuropa sagen. Auch in Kanada hat der Großteil der nachwachsenden Generationen keine Vorstellung mehr von der christlichen Überlieferung. Noch vor 25 Jahren sah dies anders aus. Die Veränderung war dramatisch und kam sehr schnell. Die zersetzenden Kräfte waren jahrzehntelang unter der Oberfläche der Gesellschaft am Werk und erreichten genau dann den Wendepunkt, als durch die Gesellschaft ein großes Erdbeben ging. Amerika steht dieser Wandel bald bevor. Er hat bereits einige Regionen des Landes erreicht. Hinter der Fassade von Vorstadt-Megagemeinden gibt es immer mehr Amerikaner, die mit der Kirche, wie sie sich darstellt, nichts mehr zu tun haben wollen.
Die missionale Sprache betont die Tatsache, dass wir im Westen mit einer radikal neuen Herausforderung konfrontiert sind. Wir befinden uns nicht in einer Situation, in der kleine Anpassungen oder Kurskorrektionen bei unserem bisherigen Vorgehen ausreichen. Wir müssen die Rahmenbedingungen und Paradigmen überdenken, die die "Komm-und sieh-Gemeinde" das letzte halbe Jahrhundert über geprägt haben. Die Stellung von Denominationen und Ortsgemeinden muss zu der von Missionaren in der eigenen Kultur werden. Dazu braucht es mehr als ein paar leichte Anpassungen; das erfordert eine völlig neue Art von Gemeinde.
Bei Mission geht es um die "Missio Dei"
Lateinische Begriffe sind vielleicht nicht die adäquate Kommunikationsform im 21. Jahrhundert, aber das Erfassen des Wesens Gottes in Bezug auf Mission ist tatsächlich zentral für die missionale Konversation. Noch einmal: Wenn der Westen, einschließlich Nordamerika, ein Missionsgebiet ist, in dem die grundlegenden Inhalte des Evangeliums entweder verloren oder durch andere Werte und Geschichten verwässert sind, dann ist der Kern unserer Mission der Gott, der uns in Jesus Christus begegnet ist – der Gott, den wir in der Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist bekennen.
Das mag Ihnen so offensichtlich erscheinen, dass man es nicht extra erwähnen müsste, aber das ist nicht der Fall. In der westlichen Gesellschaft haben Gemeinden ihr Augenmerk weg von Gott gerichtet, darauf hin, wie Gott uns dient und unseren Nöten begegnet. Jesus Christus ist eine von vielen Möglichkeiten auf dem Markt der spirituellen Angebote, und dazu da, die privaten Bedürfnisse von Individuen zu befriedigen. Die Folge ist ein im Wert gemindertes, angepasstes, sterilisiertes Christentum, das dem Evangelium nicht gerecht wird.
Die biblischen Erzählungen drehen sich um Gottes Mission in, durch und zum Wohl der Welt. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf Gott, und nicht von Gott weg. Die "Missio Die" fußt auf einem auf Gott ausgerichteten und nicht auf einem auf die Erfüllung persönlicher Bedürfnisse ausgerichteten Verständnis von Jesu Leben, Tod und Auferstehung. Die Ausrichtung der Gemeinde ist sowohl missiologisch als auch doxologisch. Craig Van Gelder stellt zwei Fragen, um uns zu helfen, dies nachzuvollziehen: Die erste Frage lautet: Was tut Gott in dieser Welt? Dazu muss man genau hinschauen, um zu sehen, was Gott in unserem Wohnviertel, in den Schulen, am Arbeitsplatz etc. tut. Die zweite Frage lautet: Was möchte Gott in unserer Welt tun? Um diese Frage zu beantworten, braucht eine Gemeinde Weisheit und eine von Gott geführte Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was die Kraft des Evangeliums bewirken könnte, wenn Menschen bereit wären zuzuhören.
Immer wenn ich anderen Menschen diesen Aspekt der missionalen Gemeinde zumute, reagieren sowohl Klerus als auch Laien konsterniert und irritiert. Oft höre ich als Reaktion: "Wenn es im Evangelium nicht um die individuellen, persönlichen Nöte des einzelnen Menschen geht, um was geht es denn dann im Evangelium?“ Diese Frage offenbart das ganze Ausmaß, in dem wir unseren Bezugsrahmen ändern müssen, um das Evangelium wieder hören und praktizieren zu können. Der Begriff "missional" wurde gewählt, um die aktuelle Denkweise zu hinterfragen und herauszufordern. Er fordert
- eine Verschiebung in der Verortung des Evangeliums hin zu Gott und seinen Taten,
- ein Anerkennen der weitreichenden Kompromisse, die den christlichen Lebensstil heute ausmachen,
- sowie eine Bereitschaft, diese herausfordernde Situation anzugehen.
Fortsetzung folgt ...
Alan Roxburgh ist Vizepräsident von Allelon Kanada (www.allelon.org). Er verfügt über 27-jährige Erfahrung als Gemeindeleiter und Pastor von Gemeinden in Kleinstädten, Großstädten und Vorortgemeinden, sowie in Leitungsfunktionen innerhalb einer Denomination.
Auszüge des Originalartikels "What is Missional Church?" von Alan Roxburgh -- mit Erlaubnis übersetzt und verwendet. Copyright: Allelon Publishing, www.allelon.org.
März 10, 2009 in Books, Gemeinde-Innovation, Leitung, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken