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Gemeinschaft ist nicht "programmierbar" (2)
Joseph R. Myers
Gemeinschaft ist ein komplexes Wesen. Ein Grund für diese Komplexität liegt darin, dass es eine Vielzahl an Missverständnissen zu diesem Thema gibt. Drei dieser gängigen Irrtümer wurden bereits in Teil 1 vorgestellt. Drei weitere folgen hier …
Mythos 4: Mehr Persönlichkeit = tiefere Verbundenheit
Viele glauben, einige Menschen besäßen eine natürliche Fähigkeit, die es ihnen ermögliche, anderen auf einer tieferen Ebene zu begegnen. Sie gehen davon aus, dass eine geselligere, extrovertiertere Person weniger Schwierigkeiten hat, eine tiefere Verbundenheit und Gemeinschaft mit einer anderen Person zu erfahren als schüchterne Menschen.
Dieser Irrtum gründet sich in einer Wahrnehmung, die sich auf das Äußere einer Begegnung konzentriert. Sie hat wenig mit der tatsächlichen Erfahrung zu tun. Ich habe mehrere extrovertierte Menschen befragt. Von außen betrachtet schienen sie kaum Mühe zu haben, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten. Dennoch wussten diese Personen von einer tiefen Sehnsucht nach Verbundenheit und Zugehörigkeit. Auf der anderen Seite haben mir schüchterne Menschen davon erzählt, wie reich und erfüllt ihr Leben aufgrund tieferer Beziehungen und Gemeinschaftserfahrungen ist.
Introvertiertheit und Extrovertiertheit sind angelernte Formen sozialen Verhaltens. Sie helfen uns, unser tägliches Leben zu steuern. Sie bilden zwei Kategorien, die uns dabei helfen, unsere Erfahrungen auf der Beziehungsebene zu verstehen und zu interpretieren. Introvertierte und extrovertierte Verhaltensweisen wirken sich dabei weder hinderlich noch förderlich auf unsere Erfahrung zwischenmenschlicher Nähe und Verbundenheit aus. Gesunde Gemeinschaftserfahrungen können von introvertierten und extrovertierten Personen gleichermaßen erfahren und entwickelt werden.
Mythos 5: Mehr Nähe = tiefere Verbundenheit
In Erinnerung an eine Zeit, in der Menschen weniger mobil waren als heute, tendieren manche dazu, einem 5. Mythos zu glauben: Geografische Nähe mündet unweigerlich in eine tiefere Gemeinschaftserfahrung. So sagt Randy Frazee, Lehrpastor in der Willow Creek Community Church (USA), beispielsweise: "Eine simple Tatsache ist, dass überall dort, wo man eine funktionierende Gemeinschaft findet, die Menschen nahe beieinander leben."
Diese Aussage ist gleichzeitig wahr und falsch. Es stimmt sicherlich, dass Menschen, die geografisch nahe beieinander leben, auch tiefere Beziehungen miteinander entwickeln und eine tiefere Verbundenheit erleben können. Doch räumliche Wahrnehmungen sind in gewisser Hinsicht auch immer eine Frage der Perspektive. So kann ein Gebäude in einer Situation eine gewisse Distanz vermitteln, in einer anderen Situation jedoch eine ganz andere Bedeutung gewinnen.
Ferner muss man "große Nähe" nicht unbedingt geografisch verstehen. Denken wir beispielsweise nur an wichtige Verbindungen (connections) zwischen Menschen, die digital hergestellt werden. Bulletin Boards ("schwarze Tafeln") und Chat Rooms im Internet, Instant Messaging und SMS-Kommunikation per Handy erfordern keine große geografische Nähe, um Menschen auf bedeutsame Weise miteinander in Verbindung zu bringen.
Mythos 6: Mehr Kleingruppen = tiefere Verbundenheit
Ich habe Pastoren oft zu ihren Gemeinden sagen hören: "Wir freuen uns, dass Sie uns besuchen. Wenn Sie aber wirklich erfahren wollen, was es heißt, Teil unserer Gemeinde zu sein, dann klinken Sie sich in eine unserer Kleingruppen ein."
Hinter solchen Aussagen steckt die Überzeugung: Kleingruppen sind der beste – wenn nicht sogar der einzige – Weg, um authentische Gemeinschaft zu erfahren. Fast jedes Buch, das ich zum Thema Gemeindeaufbau gelesen habe, sieht in Kleingruppen den Schlüssel für eine dynamische Gemeindearbeit und wirbt dementsprechend für den Aufbau von Kleingruppen. Ich habe aber auch gelesen, dass Gemeinden, die Kleingruppen anbieten, mit einer höchstens 30-prozentigen Beteiligung ihrer Gemeindeglieder rechnen können. Auch wenn 30 Prozent Beteiligung ein Zuwachs an Beteiligung im Vergleich zu Gemeinden ohne Kleingruppenangebot bedeutet, ist dieser Beteiligungsanteil doch immer noch sehr gering.
Warum nur 30 Prozent? Der Grund liegt einfach darin, dass Kleingruppen die vielen Facetten der menschlichen Sehnsucht nach Gemeinschaft nicht wirklich abdecken können. Kleingruppen ermöglichen Menschen nur eine bestimmte Art – vielleicht auch zwei Arten – des gegenseitigen "Andockens" auf einer tieferen Beziehungsebene - mehr aber nicht. Die Sehnsucht eines Menschen nach Gemeinschaft ist jedoch komplexer als das, was eine Kleingruppe bieten kann. Die Wahrheit ist, dass Menschen eine tiefere Verbundenheit und Zugehörigkeit zu anderen Menschen in Gruppengrößen von 2 bis 2.000 oder mehr erfahren können. Menschen sind in der Lage, verschiedene Wege auf ihrer Suche nach Gemeinschaft zu verfolgen. Viele Gemeinden haben ausschließlich die Kleingruppenstrategie verfolgt, nur um zu entdecken, dass sie in einer Sackgasse gelandet sind und wieder an dem Punkt stehen, wo sie angefangen haben.
Wahrscheinlich haben die meisten von uns einem oder mehr dieser sechs Mythen Glauben geschenkt – bewusst oder unbewusst. Und die meisten von uns haben sich vermutlich auch betrogen gefühlt, weil sich das dem entsprechenden Mythos zugrunde liegende Versprechen nicht erfüllte. Mir ist es jedenfalls so ergangen. Also begann ich, nach einer authentischen Beschreibung von menschlicher Verbundenheit, Beziehung und Zugehörigkeit ("belonging") zu suchen, um einen gemeinsamen Austausch über Gemeinschaft ("community conversation") anzuregen. Ferner begann ich, mich auf die Suche nach dem Platz zu machen, den tiefere menschliche Verbundenheit und Zugehörigkeit in meinem Leben einnimmt.
Bücher von Joseph R. Myers zur Vertiefung:
Quelle: www.languageofbelonging.com
Joseph R. Myers (USA) ist Unternehmer, Referent, Autor und Eigentümer von FrontPorch, einer Beratungsfirma, die christlichen Gemeinden, Unternehmen und anderen Organisationen hilft, Gemeinschaft unter Menschen zu fördern und entwickeln.
März 3, 2008 in Leitung, Methodik, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken