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Die Holding Church

Reinhold Scharnowski

J0240193

Die letzten Jahre haben zwei Trends im Gemeindebau gezeigt, die scheinbar entgegengesetzt verlaufen. Auf der einen Seite haben wir den Trend zu Zellen oder kleinen, persönlichen und überschaubaren Hauskirchen, auf der anderen Seite die Forderung nach großen, leistungsfähigen Gemeinden, die einen Eindruck in der Öffentlichkeit hinterlassen. Für beide Richtungen gibt es Gemeindemodelle, die sich bewährt haben und den jeweiligen Trend scheinbar bestätigen. So stehen sich dann auch Kleingemeinde- und Megachurch-Befürworter bisweilen in regelrechten Schützengräben gegenüber …

DAWN in Europa vertritt seit Jahren den Mischwald-Ansatz: Unsere Gesellschaft verlangt eine Vielfalt von Gemeindeformen, um missionarisch viele verschiedene Arten von Menschen zu erreichen. Die Frage liegt darum auf der Hand: Gibt es neue Wege, sich Gemeinde vorzustellen, die nicht auf ein Modell reduziert sind? Gäbe es Möglichkeiten, verschiedene Gemeinde-Strukturen lebendig so miteinander zu verlinken, dass sie einander dienen?

Gemeinde – Missionsinstrument oder Reifungsanstalt?

Hier kommt eine Frage ins Blickfeld, die viel zu wenig diskutiert wird: Wenn wir von Gemeinde reden, haben die einen das missionarische Engagement vor Augen (und sehen die Gemeinde vor allem als evangelistisches Instrument), die anderen ein Aufbau- und Reifein-strument des Volkes Gottes. Dementsprechend sehen die Anforderungen aus. Wird Gemeinde primär als missionarisches Werkzeug gesehen, muss man fast zwangsläufig Zielgruppen-Gemeinden bauen, wie z.B. Ausländer-, Studenten oder postmodern sensitive Kirchen. Denn "der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler" - Gemeinde muss auf Menschen zugeschnitten werden, die Gott noch nicht kennen.

Wenn - am anderen Ende der Skala - Gemeinde vor allem als Ort gesehen wird, wo Christen reifen und die Werte des Reiches Gottes ausleben lernen sollen, muss man geradezu Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich die verschiedensten Kulturen und Gruppen begegnen und annehmen lernen.

Pastoren vertreten in der Regel die zweite Sicht und wenden sich darum oft leidenschaftlich gegen eigene Gemeinden für junge Menschen; die christliche Reife verlange es doch, dass "alle Generationen unter einem Dach" versammelt sind (wobei mit dem Dach meistens unausgesprochen der Sonntagsgottesdienst gemeint ist). Wenn junge oder postmodern geprägte Christen dagegen eigene Gemeinden gründen wollen, dann sehen sie sie vor allem als missionarischen Vorstoß in ihre Kultur hinein - und so redet man wunderbar aneinander vorbei.

Natürlich ist Gemeinde beides. Im Auftrag "Macht Jünger und lehrt sie alles halten" fasst Jesus genial knapp beide Seiten zusammen. So lange unsere Kultur einigermaßen christlich war, war es auch möglich, in einem Gefäß beide Aspekte unterzubringen. Die Entwicklung zur postmodern-postchristlichen Kultur hat aber den Spagat immer schwerer gemacht. Differenzierung ist nötig, wenn eine Gemeinde den Jüngerschafts-Auftrag in seinen beiden Aspekten voll ernst nehmen will.

Die lebendigen Steine

Eines der Wachstumskräfte der "natürlichen Gemeindeentwicklung" ist ja bekanntlich die Symbiose - je mehr verschiedene Ansätze und kulturelle Gruppen in der Gemeinde Platz haben, um so mehr kann echtes, vielfältiges Leben entstehen. Man befruchtet und dient einander in der Verschiedenheit aus der Liebe Christi heraus. Wenn nicht die christliche Gemeinde Einübungsort der neuen Gesellschaft Gottes ist, was dann? (Entsprechen Konfliktfähigkeit und Streitkultur im Raum der Gemeinde allerdings dieser Forderung?)

Ein Freund von mir hat diesen Sommer die Insel Malta besucht. Auf Malta gibt es die Überreste von etwa 400 christlichen Kirchen aus allen Jahrhunderten des Christentums. Die häufigen Erdbeben haben sie immer wieder in Schutt und Asche gelegt. Daneben gibt es auf Malta aber auch die ältesten Gebäude der menschlichen Zivilisation - Mauern heidnischer Tempel, die sage und schreibe 7000 Jahre überlebt haben. Warum wurden die Tempel so alt, während die christlichen Kirchen immer wieder zusammengebrochen sind? Eine spannende Frage, wenn man "Gemeinde der Zukunft" bauen will. Eine Untersuchung der Mauern zeigte: Beiden Gebäuden liegen offenbar grundsätzlich verschiedene Philosophien zugrunde. Die Kirchen wurden aus behauenen Steinen, regelmäßigen Quadern, gebaut - alle mehr oder weniger gleich groß und rechteckig. Die uralten Tempel dagegen bestehen aus einem wilden Gemisch von Felsblöcken, in der alle Größen von 1 kg bis 50 Tonnen (!) vertreten sind. Die Felsen wurden von Geröll und Einschließungen gereinigt, ihre Form durften sie aber behalten. Ecken und Kanten wurden nicht abgeschliffen, sondern geschickt genutzt, um die Steine geradezu ineinander zu verklammern und die Stabilität zu erhöhen. Während bei den christlichen Kirchen der größte Teil des Bauens daraus bestand, Steine zu behauen und viele gleiche Formen herzustellen (römisches Ordnungsdenken?), bestand die Hauptarbeit beim Bau heidnischer Tempel vor allem darin, Steine in der richtigen Größe und Form zu suchen und herauszufinden, wo sie jetzt am besten hinpassten. Diese Steine werden von den Einwohnern Maltas übrigens "pietra viva", lebendige Steine, genannt.

Lebendige Vielfalt nicht nur in der Theorie zu lehren, sondern in der Praxis zu bauen, scheint mir ein Grundpostulat für Gemeinde des 21. Jahrhunderts zu sein. Gemeinde muss auch die Vielfalt unserer Kultur widerspiegeln. Diese Vielfalt besteht nicht nur in Stilformen, sondern auch Gemeinde-Formen. Hauskirchen haben ihre Vor- und Nachteile gegenüber klassischen "congregations". Sie sind oft isoliert und könnten doch eine enorme Befruchtung darstellen. Dazu gibt es an vielen Orten noch Werke und Dienste, die sich in Richtung Gemeinde entwickeln bzw. gemeindeähnliche Funktionen übernehmen.

Wenn man all das zusammen sieht, geht die Entwicklung einerseits in Richtung Spezialisierung; andererseits sind Einheit, Konzentration der Kräfte und gegenseitige Befruchtung nötig. Das ruft geradezu nach einer Struktur, in der auf neue Weise beide Forderungen zusammen gebracht werden: möglichst viele und kreative Gemeinde-Formen zu ermöglichen und diese doch unter ein gemeinsames Dach zu bringen.

Holding it together - das gemeinsame Dach

Wie könnte eine Gemeinde aussehen, in der sich verschiedene Unter-Gemeinden zusammenschließen, ohne dass sie (wie in der Moderne üblich) künstlich harmonisiert werden? Beim Nachdenken darüber kam mir die Holding in den Sinn - eine Form, die in der Wirtschaft viel gebraucht wird.

Was ist eine Holding? Das Wikipedia-Lexikon (www.wikipedia.de) gibt die folgende Definition:

"Eine Holding oder Holdinggesellschaft ist eine Gesellschaft ohne eigenen Produktionsbetrieb, die über Aktienbesitz an vielen Unternehmen beteiligt ist und für die effiziente Führung und den wirtschaftlichen Erfolg dieser Unternehmen verantwortlich ist. Die rechtliche Selbständigkeit bleibt den eingegliederten Unternehmen dabei erhalten."

Man stelle sich also eine Gruppe von (eigenständigen) Gemeinden und Werken vor, die alle in ihren Stärken und in ihrem Bereich arbeiten, die sich aber zu einer gemeinsamen Leitung zusammenschließen. Damit wird keine neue Denomination geschaffen, sondern ein Netzwerk zum gegenseitigen Nutzen. Eine solche Gemeinde-Holding müsste auf folgenden Prinzipien aufgebaut sein:

  • Die Teilgemeinden sind und arbeiten selbständig.
  • Eine möglichst große Vielfalt von Strukturen sollte sich zusammenschließen (z.B. ein Hauskirchen-Netzwerk, eine traditionelle Gemeinde, eine Jugendkirche, ein Missionswerk, ein Dienst in der Region). Diese Vielfalt dient dazu, die Stärken der einzelnen zum Ausdruck zu bringen.
  • Ein gemeinsames Wertesystem und eine Vision werden definiert - ein Boden, auf dem alle stehen.
  • Eine gemeinsame Leiterschaft dient allen, kontrolliert aber nicht.
  • Ein gemeinsamer Name kann Identität - auch nach außen - vermitteln.
  • In regelmäßigen Abständen wird ein Gottesdienst gefeiert.
  • Synergien werden erzeugt, wo möglich (gemeinsame Schulungen, Gabeneinsatz, fünffacher Dienst usw.)

Das sind die Chancen und Vorteile eines solchen Gemeinde-Netzwerks:

1. Die Strukturdiskussion wird versachlicht.

Es ist eine Tatsache, dass verschiedene Menschen zu verschiedenen Gemeinde-Formen neigen. Hauskirche ist nicht für alle Leute, aber eine zunehmende Anzahl von Christen suchen in dieser Richtung. Ein sucherorientierter Gottesdienst kann eine sehr gute Funktion ausüben. Wenn aber andere Formen zur Verfügung stehen, muss man ihn nicht verabsolutieren und überfrachten. Wenn Christen sehen, dass Gemeinde in verschiedenen Strukturen möglich ist, entkrampft das die ganze Diskussion.

2. Man kann die Vorteile einer bestimmten Struktur hervorheben und ihre Nachteile minimieren.

So kann in einem solchen Gemeinde-Netzwerk Raum für Kinder und Jugendliche aus den Hauskirchen gefunden werden. Oder Menschen, die in einem missionarischen Werk zum Glauben kommen, können organisch andere Formen von Gemeinde kennenlernen und in die Gruppe hineinwachsen, die sie brauchen. Hauskirchen haben Freiheit, sich ihrem Charakter entsprechend zu entwickeln, sind aber nicht isoliert, sondern auch äußerlich Teil des größeren Leibes Christi. In kurzen Worten ausgedrückt: In einem Gemeinde-Netzwerk gilt "Synergie ja, Verschmelzung nein. Freiheit ja, Unabhängigkeit nein."

3. Evangelistische Vorstöße in verschiedene Richtungen sind möglich.

Eine Jugendkirche arbeitet missionarisch in ihrer Kultur, und Hauskirchen wirken in ihren Quartieren. Der Seeker-Gottesdienst ist wieder eine andere evangelistische Form - weitere Ergänzungen sind möglich, z.B. Ausländer-Gemeinden, die eine neue missionarische Front eröffnen.

4. Verschiedene Formen von Leitern können herangebildet werden.

Es gibt Leiter mit einer Berufung und Begabung für Hauskirchen, andere für einen größeren Gottesdienst. In einem größeren Gemeinde-Netzwerk mit strukturellem Pluralismus ist eine vielseitige Leiterausbildung möglich

5. Die Generationen sind im Gespräch.

Junge Christen brauchen Beziehungen zu älteren. Väter und Mütter brauchen Orte, wo sie diese Elternschaft leben können. In einem größeren Netzwerk kann die Begegnung der Generationen stattfinden, ohne dass man in Gottesdienst-Formen gezwungen wird, die einem selbst und der eigenen Kultur fremd sind.

6. Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer finden ein größeres Wirkungsfeld.

Sie sind der Gesamtgemeinde zum Aufbau und zur Reife gegeben. Es wird für ihren Dienst bereichernd sein, wenn sie sich in verschiedenen Gefäßen und Strukturen betätigen können. Denn normalerweise bewegen sie sich in einem Umfeld, wo man sie kennt.

7. Bestimmte Dienste können zur Gemeinde dazukommen, ohne selbst Gemeinde werden zu müssen.

Es gibt heute eine Vielzahl von Initiativen, Werken und Bewegungen, die für viele Christen geistliche Heimat sind. Spezielle Zielgruppen, etwa Geschäftsleute, Sportler oder Künstler, finden in solchen Werken zum Glauben und müssten jetzt in Gemeinschaft wachsen, finden aber sehr oft nicht den Weg in die klassischen Freikirchen. Wenn ein solches Werk lokal arbeitet, könnte es Mitglied eines Gemeinde-Netzwerkes werden und sich so die Ressourcen verschiedener Gemeindeformen erschließen. Die Trennung "church - parachurch" würde aufgehoben. In einem Netzwerk können sowohl Gemeinden als auch spezialisierte Werke und Dienste in Freiheit zusammenarbeiten und einander mit ihren Stärken dienen, ohne zu dominieren. Dass hier eine enorme gegenseitige Befruchtung und Horizonterweiterung stattfinden kann, sei nur am Rande bemerkt.

8. Eine gemeinsame Identität vermittelt Vertrauen nach außen.

Hauskirchen und kleine Gruppen werden oft beargwöhnt oder im Bewusstsein der Öffentlichkeit sogar in die Sektenecke geschoben, weil sie klein und "unsichtbar" sind. Ein gemeinsamer Name für ein Netzwerk sowie ein gemeinsamer Gottesdienst können diese Vorurteile zerstreuen und Vertrauen schaffen. Auch hier bietet die Holding eine größere Identität, die der kleinen Gruppe hilfreich sein kann.

9. Ein Zeichen der Einheit wird gesetzt.

Man demonstriert: Wir können zusammen arbeiten, obwohl wir sehr verschieden sind. Verschiedenheit muss nicht Trennung bedeuten, und Einheit führt nicht zu struktureller Uniformität. Diese Zeichen nach außen und in die unsichtbare Welt hinein sind heute sehr wichtig.

10. Kräfte und Gaben werden sinnvoll eingesetzt.

Hier liegt vielleicht die größte Chance für lokale Gemeinde-Netzwerke. Nicht jede Gruppe muss alles machen, sondern kann schlank im Rahmen ihrer Stärken arbeiten. Wenn z.B. keine Seelsorgearbeit möglich ist, kann man die in einer anderen Gruppe aus dem Netzwerk suchen. Evangelistische Anlässe, Schulungen usw. können zusammengelegt werden.

Zwei Richtungen der Entwicklung

Natürlich muss das Ganze "natürlich" und unverkrampft ablaufen. Es geht mir nicht darum, etwas Künstliches aus dem Boden zu stampfen, sondern eine Richtung des Wachstums aufzuzeigen. Ganz konkret kann die Entwicklung in Richtung einer Holding-Gemeinde auf zwei Arten geschehen:

Von außen - Gemeinden schließen sich zusammen

Die Frage "Warum muss jede Gemeinde ein volles Programm liefern ? Wwarum kann man nicht Einzelbereiche oder gar ganze Gemeinden zusammenlegen?" wird sich in Zukunft mehr stellen als früher, vermute ich. Wirtschaftliche Überlegungen sind sicher ein Faktor, der mitspielt. Für immer mehr Menschen wird es aber auch immer weniger nachvollziehbar sein, warum Gemeinden, die einander sehr ähnlich sind, sich nicht zu einer effizienteren Arbeitsweise zusammenschließen. Wenn man nicht eine volle Fusion möchte (was gut überlegt sein will), bietet sich eine Holding, also ein Gemeindenetzwerk an, in dem Kräfte zusammengelegt und Unterschiede bewusst genutzt werden.

Von innen - eine Gemeinde differenziert sich

Das Umgekehrte ist auch möglich. Ich kenne größere Gemeinden, die im Laufe der letzten Jahre eine ganze Menge von Diensten und Unterstrukturen entwickelt haben: Sie haben ihre jungen Leute in eine (fast) eigenständige Jugendkirche entlassen, Ausländergruppen und andere Arbeitszweige sind entstanden, die recht eigenständig funktionieren. Eine solche Gemeinde wird früher oder später nach einer Organisationsform suchen, die die Eigenständigkeit der Untergruppen fördert und doch einen Zusammenhalt ermöglicht. Hier er-gibt sich eine holding-ähnliche Struktur fast von selbst.

Wenn ich mich nicht täusche, verlangt die postmoderne Kultur und die innere Entwicklung der Gemeinde nach Formen, die eine innere Verbindlichkeit mit großer Flexibilität verbinden. Wenn sich irgendwo in Deutschland oder der Schweiz bereits Gemeinden in eine solche Holding-Struktur entwickeln, würde uns das sehr interessieren. Nehmen Sie mit uns Kontakt auf?

Kontakt: reinhold@dawneurope.net

April 22, 2007 in forum gemeinde innovation (fgi) | Permalink | Artikel verschicken

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