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Am Ende der Christenheit
Reinhold Scharnowski
Eigentlich spüren es viele, aber kaum jemand wagt es auszudrücken. Der englische Autor Stuart Murray macht es in seinem Buch Post Christendom (Nach der Christenheit, 2004) in aller Deutlichkeit klar: die Zeit des Christentums in Westeuropa geht ihrem Ende entgegen, ja ist eigentlich bereits vorbei. Was meint er damit?
Nicht die Zeit des Christentums als Weltreligion, auch nicht die Zeit der Gemeinde oder der missionarischen Chancen geht zu Ende (ganz im Gegenteil). Es geht beim "Ende des Christentums" um die gut 1700jährige Epoche der offiziellen christlichen Kirche als kulturprägende Kraft in den meisten westeuropäischen Ländern. Es geht um die konstantinische Verbindung von Kirche, Staat und Gesellschaft - und um den privilegierten Status, den das Christentum in unseren Ländern innehatte. Diese Erkenntnis ist bei Missiologen nicht neu – aber wie immer, braucht es länger bis sie zur Basis durchdringt. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Gerade in der Schweiz träumen viele davon, die christliche Dominanz, symbolisiert im "Schweizerkreuz", wiederherzustellen. Der Abschied tut weh, sehr weh, vor allem, wenn man Evangelium und nationale Identität eng miteinander verknüpft.
Stuart Murray schreibt als Engländer und als Baptist. Er beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie sich die Kirche - einschließlich der Freikirchen, die auch ein Produkt des "Christentums" sind - in einer Kultur verhalten soll, die sie nicht länger "besitzt". Wir stecken ja mitten in kulturellen Turbulenzen und einer Übergangsphase, die das Ende der langen Ära des Christentums mit sich bringt.
Zunächst rollt der Autor die Geschichte des Christentums auf. Die Kirche umfasste zur Zeit Konstantins ja immerhin 10% der Bevölkerung und war über 250 Jahre lang mit einer Rate von über 40% pro Jahrzehnt gewachsen. Nun wurde sie mit dem Edikt von Nicäa im Jahr 325 quasi über Nacht zur Staatsreligion. 529 machte Justinian die Bekehrung zur Pflicht - Juden ausgenommen - und schrieb vor, dass alle Neugeborenen getauft werden müssen. Das Christentum wurde zur Standard-Religion und lieferte den Rahmen für das mittelalterliche Europa. Im 14. Jahrhundert war Europa ein "christlicher" Kontinent mit gemeinsamem Glauben, gemeinsamem Zugehörigkeitsbewusstsein zur Kirche und gemeinsamen Verhaltensnormen. Jesus wurde marginalisiert; an die Stelle der Mission trat die Erhaltung. Natürlich gab es immer Strömungen neben den großen Kirchen, die versuchten, die Qualität des ursprünglichen Glaubens wiederherzustellen, so etwa die Lollarden und Waldenser des 15. Jahrhunderts, deren Programm im Übrigen erstaunlich dem der heutigen Basis- und Hausgemeinde-Bewegungen gleicht. Aber sie blieben Randerscheinungen und wurden in der Regel massiv bekämpft.
Mit der Reformation zerbrach der große Block in mehrere "Christenheiten". Die Reformatoren veränderten einige Aspekte des Glaubens und der Ethik. Die Grundstruktur des ganzen Systems - Zwangskirche, Kindertaufe, Hierarchie, Priester-Laien-Dualismus usw. - wurde aber nicht hinterfragt. Auch gründeten die Reformatoren kaum neue Gemeinden, sondern "reformierten" die alten katholischen Strukturen (was generell zu weniger radikalen Veränderungen führt als die Gründung neuer Gemeinden). In den kommenden Jahrhunderten blieben die Strukturen, die Inhalte jedoch wurden durch Aufklärung und Säkularisierung zunehmend verdünnt. Heute zeigt sich, dass die immer brüchiger werdenden Strukturen diese innere Entleerung nicht mehr kompensieren können. Die konstantinische Struktur ist am Ende.
Reaktionen
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, auf diese seismische Verschiebung zu reagieren:
- Leugnen
Viele Christen leugnen das Ende der christlichen Kultur. Sie sehen nur ein vorübergehendes Phänomen und meinen, eines Tages die christliche Gesellschaft wiederherstellen zu können. Gemeinden und Konferenzen laufen als sei alles beim Alten. Viele Mitarbeiter arbeiten härter, aber mit weniger Ergebnissen.
- Verteidigen
Wer das Ende des Christentums feststellt, wird beschuldigt, mit der Säkularisation gemeinsame Sache zu machen und das christliche Erbe zu verraten. Richtigerweise wird bemerkt, dass das Lossagen vom Christentum negative Folgen für die europäische Gesellschaft hat.
- Verdrängen
Andere verdrängen die Zeit des Christentums und versuchen, die Urchristenheit wiederherzustellen. Dabei übersehen sie, dass wir alle Produkte der Geschichte sind – und dass wir uns nicht von den Familienmitgliedern lossagen können, die uns nicht gefallen. Die ganze Geschichte ist unser Erbe, ob es uns gefällt oder nicht.
- Dämonisieren
Besonders die dunklen Seiten des Christentums - Kreuzzüge, Inquisition, Unterdrückung und vieles mehr - können dazu verleiten, die ganze Geschichte "dem Teufel zuzuschreiben". Die Christenheit hat aber auch viel Gutes an Kreativität, Schönheit, intellektuellem und geistlichem Leben hervorgebracht, so dass eine differenzierte Betrachtung nötig ist.
- Lossagen
Dies scheint noch die beste Haltung zu sein. Sie darf – und muss – mit Trauer verbunden sein, verlangt Buße und Demut. Dann müssen wir uns sorgfältig lösen aus der Umklammerung der Strukturen und Paradigmen des Christentums. Murray warnt dabei aber vor zu schnellen, neuen und großen Entwürfen – zu tief sitzen die Denkvoraussetzungen des Christentums in unseren Köpfen und Herzen. Aktion ist nötig an vielen Orten – in den Zentralen der Denominationen, in Lehrinstituten, Ortsgemeinden, Verlagen, Hausgruppen und Unterhaltungen.
Veränderung und Neuansätze
Der Autor bleibt nicht bei oberflächlichen Empfehlungen stehen, sondern geht in die Tiefe. Es wird deutlich, wie viel von unserer Lehre, Mission und Gemeindepraxis aus einer Haltung kommt, die "christlich sein" als das Normale ansieht. Hier einige Bereiche, die angesprochen werden:
- Könnte die Art, wie in der Christenheit missioniert worden ist, die heutige tief sitzende Aversion gegen falsches "Evangelisieren" hervorgerufen haben? Dann müssen wir auf ganz andere – demütige, ehrliche und tastende Art – von unserem Glauben zu reden lernen.
- Wie viele evangelistische Strategien bauen auf ein - unbewusst auferlegtes – Schuldgefühl, dass man nicht "zur Kirche geht"? Evangelisation in der Nach-Christenheits-Ära muss sich davon lösen, Menschen „in die Gemeinde einzuladen". Die Kirche muss mehr zur "Geh-Struktur" werden.
- Mit aller Leidenschaft müssen neue Arten von Kirchen und Gemeinden entwickelt werden, ohne in eine "Gemeinditis" zu verfallen. Dabei geht es nicht nur um neue Formen – das wäre zu oberflächlich. "Gemeinden des Friedens zu werden, Lerngemeinschaften aufzubauen, gegenseitige Verantwortlichkeit und radikale Gastfreundschaft einzuüben, ist eine anspruchsvollere Aufgabe als sich in Kneipen zu treffen, Labyrinthe zu bauen oder Powerpoint und Flash zu beherrschen", schreibt Murray.
- Der Mythos muss entlarvt werden, dass "Geistliche" die geistliche Front-Linie bilden und "Laien" dazu da sind, diese zu unterstützen. Das Gegenteil ist wahr. Das hat Konsequenzen für die Gemeindepraxis. Das Wort "Laien" ist überhaupt eins der übelsten Erbstücke des Christentums und muss gründlich ausgerottet werden.
- Die Taufe eines Gläubigen ist eine Ordination. Alle Mitglieder sollen gesegnet und ausgesandt werden zu ihrem Dienst in neuen Jobs, in Elternschaft, im Pensionsalter oder andere Berufungen. Gemeinden müssen lernen, die Anforderungen des Berufslebens ihrer Mitglieder als anspruchsvollen Dienst zu schätzen und zu unterstützen.
- Der Primat der (im Durchschnitt höchst mittelmässigen) Monolog-Predigten als Standard-Kommunikationsmittel der Christenheit muss gebrochen werden. Viele verlassen die Kirchen, weil sie nicht mehr mit dem Löffel gefüttert und patronisiert werden wollen. Es gibt unzählige Alternativen und Ergänzungen zu diesem Stilmittel, die aktiv in Gemeinden erprobt und eingeübt werden müssen. Was in der Christenheit nicht erwünscht war, ist jetzt ausdrücklich nötig: gemeinsames, andauerndes und interaktives Lernen. Das Wort "Liturgie" bedeutet eigentlich "die Arbeit der Leute", und der "Sermon" ist im Lateinischen eigentlich eine Unterhaltung.
- Der Zehnte als – dem AT entlehntes – Christentums-Mittel muss radikalisiert werden. Gemeinden müssen überhaupt über das "Geben" hinauswachsen und wieder unter den Armen und Machtlosen gepflanzt werden.
- Die Suche nach Einfachheit wächst. Das Christentum machte Christsein konventionell, vorhersagbar, uninspiriert und langweilig (man höre nur am Sonntag Morgen einmal im Radio einen "Gottesdienst"). "Gemeinde ist eigentlich recht einfach", meint Murray. „Sie besteht im wesentlichen aus Freundschaft als beziehungsmäßigem Paradigma, aus gemeinsamem Essen und Lachen."
Erweckung oder Überleben?
Gerade in unserem Land wird "Erweckung" regelmäßig angesagt. In der Regel erwartet man - neben vielen Bekehrungen - eine Wiederherstellung flächendeckender christlicher Kultur und ganze gesellschaftliche Bereiche, die "wieder" vom Evangelium geprägt werden. Angesichts der Tatsache, dass die christlich geprägte Kultur in Westeuropa an ihr Ende kommt, ist immer mehr denkenden Christen bei dieser Perspektive nicht wohl. Zu sehr kann diese blind machen für Tatsachen und unrealistische Erwartungen erzeugen. Werden diese nicht erfüllt, können sie irgendwann ins Gegenteil - in Passivität und Resignation – umschlagen. Murray schlägt einen alternativen Weg vor:
- Hört auf, um Erweckung zu beten, was missionarisches Engagement lähmt und unrealistische Erwartungen fördert.
- Akzeptiert euren Status als Gemeinschaften am Rande der Gesellschaft.
- Löst euch von allen Erwartungen und Vorstellungen des Christentums.
- Meidet kurzfristige Perspektiven, strebt nachhaltige Transformation an.
- Konzentriert euch auf moderate, durchführbare und provisorische Initiativen. Entwickelt Taktiken, nicht große Strategien. Vorsicht mit grossen Zielen!
- Schmiedet Partnerschaften zwischen traditionellen und neu entstehenden Gemeinden und Missionsgesellschaften.
- Betet und arbeitet aufs Überleben hin.
Für einige mag das sehr negativ bzw. entmutigend klingen. Immer mehr Menschen, Leiter und Mitarbeiter werden aber tief aufatmen, wenn sie aus dem Zauber unrealistischer Erwartungen und ständig neuer Versprechungen hin zu einem realistischen Engagement befreit werden. Auf dieser Reise wird Gott ganz sicher viele Überraschungen bereit halten, von denen wir jetzt noch keine Ahnung haben.
Das Schöne ist: die Kirche nach dem Christentum hat Quellen und Ressourcen, aus denen sie schöpfen kann. Vieles wird ehrlicher und echter werden. Der Umzug von der Mitte der Gesellschaft an die Ränder, von privilegierter Religion zu einer Stimme unter vielen und von aufgezwungenem Glauben zu radikaler Freiwilligkeit wird dem Christentum gut tun. Immerhin hat es ja auch so angefangen. Murray sagt dazu: "Es ist, als ob wir gedrängt würden, die scheinbare Sicherheit eines immer noch beeindruckenden, aber angeschlagenen Ozeanriesen zu verlassen und uns einem kleinen Rettungsboot anzuvertrauen, das in der Dunkelheit auf den Wellen hin und her tanzt. Aus dem Christentum auszusteigen, verlangt Mut. Einige mögen lieber die Stühle auf Deck noch einmal umstellen. Die Hoffung der Zukunft liegt aber in der Verletzlichkeit des Rettungsbootes, wo es uns auch hintragen mag."
Quelle: "Post-christendom: Church and Mission in a Strange New World" by Stuart Murray, Authentic Media, 2004.
März 20, 2007 in Gemeinde-Innovation, Paradigmen | Permalink | Artikel verschicken
Kommentare
Danke, ich kriege richtig Lust auf das Buch! Finde ich sehr realistische Perspektiven, dass einer (begründet) nicht immer auf Erweckung-um-die-nächste-Ecke hofft.
Kommentiert von: Walter | 20.03.2007 16:15:27
Ich bin ehrlich gesagt auch nicht traurig über den Untergang des Christentums in Europa. Viel blieb sowieso nicht davon übrig. Deshalb sehen wir uns als Leiter von Emerging Churches als Sprachrohre eines neuen Christentums, eines neuen Ausdrucks der Begegnung mit Jesus.
Kommentiert von: Danny | 21.03.2007 09:29:53